Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Alexander F. Shand: Character and the Emotions. Mind. New. Series V. S. 203-226. Apr. 1896
Person:
Stern, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30844/1/
Litteraturbericht. 
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pretation. In allen diesen Gebieten mufs die Psychologie mehr be¬ 
rücksichtigt werden, als bisher» 
Die Wörter sind Urteilselemente, die für sich allein nnd losgelöst 
vom Satze keine Bedeutung haben. Daher mufs der fremdsprachliche 
Unterricht vom Satze ausgehen. Die Betrachtung der Satzformen 
mufs stets in erster Reihe auf den Seelenzustand des Sprechenden 
Rücksicht nehmen. Dementsprechend werden neue Definitionen der ein¬ 
zelnen Tempora gegeben. So wird das Präsens den Wahrnehmungs- und 
Begriffsurteilen, das Präteritum denErinnerungs- und historischen Urteilen, 
das Futurum den Erwartungsurteilen zugesprochen. Auch das Wesen 
der Frage- und Bedingungssätze wird mehr vom psychologischen Stand¬ 
punkte aus, unter Berücksichtigung der Wirkung auf den Hörer, erklärt. 
In der Lehre von den Tropen und Figuren ist bisher allerdings die 
Psychologie nicht aufser Acht gelassen, aber doch noch immer zu viel 
„Nomenklatur“ getrieben worden. Namentlich kommt hier die Ähnlich- 
keits- und K ont igui tätsa s s o z iati on in Betracht; jene zeigt er¬ 
hebliche individuelle Unterschiede; diese beruht auf dem, was der Mensch 
von aufsen empfängt (Umgebung, Gewohnheit, Erziehung etc.) und darf 
deshalb nicht originell sein. 
Ein besonders grofses Wirkungsgebiet eröffnet sich der Psychologie 
innerhalb der Interpretation, wenn sich auch hier allgemeine Ge¬ 
sichtspunkte schwer angeben lassen. Verfasser nimmt daher seine 
Zuflucht zu Beispielen und beschränkt sich auf zwei allgemeine Be¬ 
merkungen: 1. Die Grammatik mufs im Dienste der Lektüre stehen und 
nicht umgekehrt, wenn auch die Lektüre wiederum dazu dient, das 
grammatikalische Wissen zu lebendigem Verständnisse zu entwickeln. 
2. Die psychologische Interpretation mufs sich auf eine genaue Kenntnis 
aller sachlichen (historischen, antiquarischen, archäologischen, litteratur- 
geschicbtlichen u. a.) Beziehungen zu dem gelesenen Texte stützen. 
Schliefslich weist Verfasser noch an einigen Stellen aus der Ilias nach, 
wie auch für die sogenannte ästhetische Interpretation die psycho¬ 
logische Analyse fruchtbringend gemacht werden kann. 
Vom Standpunte des Psychologen aus sind derartige Untersuchungen, 
die das Ergebnis einer zwanzigjährigen Praxis sind, gewifs mit Freuden 
zu begrüfsen. Ohne Zweifel birgt die Sprache einen grofsen psycho¬ 
logischen Schatz, der noch lange nicht gehoben ist. Aber auch die 
Philologie, ja diese in erster Reihe, wird aus derartigen Abhandlungen 
grofsen Nutzen ziehen, denn hierdurch gewinnt sowohl die philologische 
Forschung an Tiefe und wissenschaftlichem Werte, als auch der Sprach¬ 
unterricht für den Lehrer wie für den Schüler an Leben, Freude und 
Interesse. Arthur Wreschner (Berlin). 
Alexander F. Shand. Character and the Emotions. Mind. New. Series V. 
S. 203—226. Apr. 1896. 
Wir erleben gegenwärtig das Werden eines neuen Zweiges psycho¬ 
logischer Forschung, einer Differentialpsychologie. Frankreich 
hat den Anfang gemacht, in Deutschland regt es sich mächtig, und vor 
mir liegt ein Artikel, welcher beweist, dafs man auch in England das
        

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