Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Maurice de Wulf: Les lois organiques de l'histoire de la psychologie. Arch. f. Gesch. d. Philos. X. Bd., 3. Heft, S. 393-407. 1897
Person:
Wreschner, Arthur
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30511/1/
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Literaturbericht. 
Erfahrung finden wir weder das Eine noch das Andere; die Wissenschaft 
aber ist seit einigen Jahrhunderten damit beschäftigt, die rohe Erfahrung 
zu einer Naturauffassung umzugestalten, welche beiden Merkmalen ent¬ 
spricht. Die Voraussetzungen, welche diese Umgestaltung beherrschen, 
weisen, wie ich in meinen „Gesetzen und Elementen des wissenschaft¬ 
lichen Denkens“ dargelegt habe, sämmtlich auf eine fundamentale Voraus¬ 
setzung zurück, welche das gesammte causale Denken erst möglich macht, 
und aus welcher alle causalen Axiome, auch dasjenige der Gleichartigkeit 
von Ursache und Wirkung, sich als nothwendige Folgerungen ableiten 
lassen. Wenn dem aber so ist, so mufs auch jeder Versuch, für Causal - 
verhältnisse letzter Instanz eine dieser Folgerungen als ungültig darzu- 
stellen, als in sich widersprechend zurückgewiesen werden. 
Heymans (Groningen). 
Maurice de Wulf. Les lois organiques de l’histoire de la psychologie. Arch. 
f. Gesch. d. Philos. X. Bd., 3. Heft, S. 393-407. 1897. 
Drei „organische“ Gesetze zeigt der bisherige Entwickelungsgang 
der Psychologie. 1. Die Pflege der Psychologie war von inter- 
mittirendem Charakter, sowohl bei den Indem, als bei den Griechen 
und im Mittelalter. Auch die Philosophie entwickelte sich in den ein¬ 
zelnen Perioden in Form einer Curve mit einem Aufstieg, einem Maximum 
und einem Abstieg; nur die indische Philosophie, welche bei dem Pan¬ 
theismus stehen blieb, und die moderne Philosophie, welche gleichmäfsig 
fortschritt, machen eine Ausnahme. 2. Der Höhepunkt der Psycho¬ 
logie fällt mit der Reife des menschlichen Geistes zu¬ 
sammen. Wie für den einzelnen Menschen zunächst nur die Aufsenwelt 
vorhanden ist, so haben auch die Völker, so lange sie um ihre materielle 
Existenz zu kämpfen haben, keine Philosophie; dies kann man aus den 
Anfängen der Cultur bei den Indern, Griechen und im Mittelalter er¬ 
kennen. Innerhalb der Philosophie kommt wiederum die Psychologie zu¬ 
letzt zur Herrschaft. So mufste der indische Pantheismus zuerst ein 
anthropomorphes und dann ein metaphysisches Stadium durchlaufen, bevor 
er in das psychologische eintrat. In gleicher "Weise geht der Psychologie 
Plato’s und Aristoteles’ die Erforschung der Aufsenwelt durch die Vor- 
sokratiker voraus ; auch im Mittelalter herrschte bis zu dem psychologischen 
XIII. Jahrhundert die Metaphysik vor. Die moderne Philosophie ist aller¬ 
dings durchgängig psychologischer Natur, aber nur weil sie keinen Anfang 
der Cultur hat, sondern die philosophischen Probleme des Mittelalters 
übernimmt. 3. Die Psychologie ist dogmatisch, bevor sie 
kritisch wird. Auch hier zeigt sich eine frappante Aehniichkeit 
zwischen der Entwicklung des Individuums und der ganzer Völker. Der 
eigentliche Schöpfer des kritischen Stadiums ist erst Kant, der auch die 
neueste Psychologie in hohem Grade beeinflufst, insofern er einerseits der 
Vater des modernen Subjectivismus ist, anderseits das Problem der Gewifs- 
heit in den Vordergrund gestellt hat. Selbst die Neuscholastiker können 
sich dem Einflüsse Kant’s nicht entziehen. 
In diesen Ausführungen liegt sicherlich viel Wahrheit, und es ist mit 
Freuden zu begrüfsen, wenn man auch aus der Geschichte des mensch-
        

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