Bauhaus-Universität Weimar

lieber den gegenwärtigen Zustand der Psychologie. 
Von 
Univ.-Prof. Dr. Richard Wahle. 
1. Um es sofort zu sagen, es scheint mir, dass die Psycho¬ 
logie, trotz aller Experimentirlust, noch nicht ganz das Gepräge 
der Wissenschaftlichkeit trägt, dass sie durch geistreiche, aber 
geisterhafte, pneumatische Konstruktionen verhindert wird, den 
richtigen Boden für die Untersuchung zu gewinnen, dass sie 
aber auf dem Wege zur Gesundung begriffen ist. Ich darf 
meinen Betrachtungen drei Werke zu Grunde legen, die vermöge 
des Ansehens ihrer Autoren als Fundstätten allgemein verbreiteter 
Ansichten und Tendenzen gelten können. In der Kürze des 
hier durch mich beanspruchbaren Raumes liegt die Ent¬ 
schuldigung dafür, dass nicht auch die Werke anderer aus¬ 
gezeichneter Psychologen, wie Lipps, Exner, Stumpe, Höeeding, 
zur Gewinnung des Einblicks in die Neigungen des gegen¬ 
wärtigen psychologischen Denkens herangezogen wurden. Eine 
Rechtfertigung bedarf die Wahl der im folgenden gewürdigten, 
zudem neuen Werke nicht: es sind das Lehrbuch der Psycho¬ 
logie von Jodl, der Grundriss der Psychologie von Wundt, 
zweite Auflage und die Grundzüge der Psychologie, 1. Halbband 
von Ebbinghaus. Von diesen glauben wir, dass sie eine 
Charakteristik herrschender Gesinnungen gewähren. 
Das Werk Jodl’s hat ohnedies fast die ganze deutsche, fran¬ 
zösische, englische Literatur in sich hineingezogen und ist aus¬ 
gezeichnet durch einen Reichthum an Betrachtungen des kom¬ 
plexen, psychischen Lehens, seiner allgemein interessanten Er¬ 
scheinungen , welcher das Buch trotz seines wissenschaftlichen 
Ernstes zu einem Liebling des ästhetisch angeregten Publikums 
zu machen geeignet ist, dem vielleicht die Grenze zwischen Psycho- 
Zeitschrift für Psychologie XVI.
        

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