Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lochte: Beitrag zur Kentniss des Vorkommens und der Bedeutung der Spiegelschrift. Arch. f. Psychiatrie 28 (2), 379-310. 1896
Person:
Ebbinghaus
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30314/2/
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Literaturbericht. 
kindern. Seine Ergebnisse bestätigen im Ganzen die Befunde früherer 
Beobachter. Die Neigung, in Spiegelschrift zu verfallen, ist besonders 
stark bei jüngeren Schulkindern, die erst 1—2 Jahre Schreibunterricht ge¬ 
messen. Sie ist entschieden ausgeprägter bei Mädchen als bei Knaben 
(dort 15, hier ll°/0 unter je 400 Kindern), eine besondere Bevorzugung der 
Schrift durch linkshändige Kinder besteht dagegen nicht. Grössere Schul¬ 
kinder liefern nur mehr selten Spiegelschrift; bei Erwachsenen dagegen 
nimmt die Neigung zu ihr wieder zu, und zwar tritt sie auch hier wieder 
beträchtlich stärker beim weiblichen als beim männlichen Geschlecht her¬ 
vor. Relativ hohe Prozentzahlen von Spiegelschriftlern finden sich unter 
den Taubstummen und namentlich unter den Idioten (hier über 50%). 
Dass auch funktionelle Nervenkrankheiten zu Spiegelschrift prädisponiren, 
will Lochte, im Gegensatz zu Soltmann (s. diese Zeitschr. II, 414), nicht 
finden, allein seine Zahlen für Erwachsene zeigen, dass doch etwas an der 
Sache ist, während sie bei Kindern zu klein sind. 
In seiner Erklärung der Erscheinung scheint mir der Verf. ganz das 
Richtige zu treffen, wobei erwähnt sei, dass die Hauptsache auch bereits 
durch Goldscheider in seinen Bemerkungen zu der SoLTMANN’schen Arbeit 
(diese Zeitschr. II, 416) angedeutet wird. Es handelt sich um einen Kampf 
zwischen kinästhetisch-motorischen und optischen Vorstellungen bei der 
Regulirung der Handbewegungen. Bei dem gewöhnlichen Schreiben sind 
beide in einer gewissen stets gleichen Weise mit einander assoziirt worden ; 
durch die Aufforderung zum linkshändigen Schreiben entsteht dagegen ein 
Widerstreit zwischen ihnen. Die kinästhetischen Vorstellungen verlangen 
das symmetrische Bild der rechtshändigen Schriftzüge, die optischen 
Vorstellungen das gleiche Bild. Da nun aber die weitere Bedeutung des 
Buchstabens doch in seiner Form liegt, darin wie er aussieht, und nicht 
in der Art, wie er gemacht wird, so siegt hierbei ganz überwiegend der 
Gesichtssinn: der verlangte optische Eindruck zwingt die Hand zu Be¬ 
wegungen, die ihr eigentlich widerstreben. Aber unter besonderen Um¬ 
ständen entstehen Ausnahmen. Z. B. wenn die Kunst, einen Buchstaben 
zu machen und zu malen, noch sehr stark im Vordergründe des Interesses 
steht, wie bei Kindern, die ,noch nicht lange schreiben gelernt haben. 
Oder bei besonderer Pflege manueller Fertigkeiten, wfie bei Mädchen und 
Frauen. Ferner bei sehr flüchtigem Schreiben, wenn man fast ohne hin¬ 
zusehen die Hand nahezu sich selbst überlässt (daher die Zunahme von 
Spiegelschrift bei Erwachsenen). Endlich auch bei einer allgemeinen Ein¬ 
schränkung der geistigen Fähigkeiten, wie bei Idioten, von denen die ver¬ 
langte Aufgabe der Unterdrückung starker motorischer Tendenzen und 
ihrer Ersetzung durch ganz ungewohnte Bewegungskombinationen wegen 
ihrer Schwierigkeit nicht mehr geleistet werden kann. 
Eine vortreffliche Bestätigung erfährt diese Deutung noch durch das 
Verhalten der Blinden. Blindgeborene oder früh erblindete Individuen 
zeigten keine besonders starke Neigung, ihre Punktschrift mit der linken 
Hand in Spiegelbildern wiederzugeben ; sie schrieben entsprechend den 
Forderungen ihres Tastsinnes. Personen dagegen, die erst nach Erlernen 
der Kurrentschrift erblindet waren und nun diese seit längerer Zeit nicht 
mehr geübt hatten, schrieben sie linkshändig in auffallend grosser Anzahl
        

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