Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lochte: Beitrag zur Kentniss des Vorkommens und der Bedeutung der Spiegelschrift. Arch. f. Psychiatrie 28 (2), 379-310. 1896
Person:
Ebbinghaus
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30314/1/
Literaturbericht. 
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schiedenen Verhältnissen entwickelt, hat, wie im Gegensatz zu Souriait 
nachgewiesen wird, nicht ihren Grund im Streben nach Schönheit. Sie ist 
eine Eigenschaft derartiger Bewegungen, die unter erleichterten Lebens¬ 
bedingungen als Ausdrücke freier und froher Gefühle auftreten. Demnach 
haben wir im Lustgefühle die Grundbedingungen der Anmuth zu suchen. 
Alle zusammengesetzte Emotionen, in welchen eine volle, reine und un- 
reflektirte Lust als Element besteht, werden mit relativ anmuthigen Be¬ 
wegungen ausgedrückt. Wenn man, wie Schiller, die Bedingungen der 
Anmuth in der geistigen Freiheit sucht, oder wie Guyau die Anmuth als 
einen Ausdruck des Wohlwollens und der Liebe auffasst, hat man einen 
Theil mit dem Ganzen verwechselt. 
In seiner Zusammenfassung versucht Verf. zu beweisen, dass derselbe 
Trieb, starke Gefühle durch steigernden und befreienden Ausdruck auszu¬ 
lösen, welche den sog. Kunstäusserungen der Thiere vorausgeht, noch in 
der höchst entwickelten Kunstproduktion als treibende Ursache wirkt. Der 
Taktsinn ist, wie Wallaschek’s Untersuchungen beweisen, zu seiner hohen 
Entwickelung gelangt, weil er eine gemeinsame Aktion ermöglicht. Das 
einfachste formale Element in den primitivsten Tänzen hat sich demnach 
als ein Mittel, gemeinsame Aktion und Gefühlsgemeinschaft zwischen ver¬ 
schiedenen Individuen herzustellen, entwickelt. Der Trieb, ein Gefühl 
möglichst weit zu verbreiten, um dadurch Reizung von Anderen, welche 
das eigene, ursprüngliche Gefühl sympathisch wiederholen, zu gewinnen, 
ist aber nur ein Spezialfall des allgemeinen Ausdruckstriebes. Dieser be¬ 
sondere Fall gewinnt aber Bedeutung dadurch, dass er die Menschen 
zwingt, die Aneignung ihrer Gefühle so leicht wie möglich zu machen, ihnen 
ein sinnliches Vehikel, welches leicht auf gefasst und zur Aufmerksamkeit 
lockt, zu schaffen. Auf diesem Wege geht das Ausdrucksbedürfniss zum 
Kunsttrieb über. 
Mit fortschreitender Entwickelung wird dieser Trieb mehr und mehr 
vermittelt. Der Künstler ist nicht zufrieden mit der Rückwirkung, die das 
zufällige Publikum in seiner Umgebung leisten kann. Er schafft, d. h. er 
drückt sich aus für einen ideellen, fingirten Zuschauer, für „sich selbst“ 
oder für die Nachwelt. Für die flüchtigen Gefühlszustände, die ihn be¬ 
herrschen, sucht er eine Form, die ihre Wiederholung unter allen Zeiten 
und bei allen Völkern ermöglicht. Auf ihren niedrigsten Stufen vermag 
die Kunst ein Gefühl nur zu verbreiten, auf ihren höchsten kann sie es 
verewigen. 
Lochte. Beitrag zur Kenntniss des Vorkommens und der Bedentung der 
Spiegelschrift. Arch. f. Psychiatrie 28 (2), 379—310. 1896. 
Wenn man verschiedene Personen auffordert, mit der linken Hand, 
so gut es gehe, ihren Namen, ihr Alter oder sonst etwas zu schreiben, so 
stösst man bisweilen auf Jemanden, der der Forderung nicht in gewöhnlicher 
rechtsläufiger Schrift, sondern in deren symmetrischen Zügen nachkommt, 
der also ein Spiegelbild des Verlangten liefert. lieber diese Erscheinung 
hat Lochte ausgedehnte Untersuchungen an Kindern und Erwachsenen, 
Gesunden und Kranken angestellt, u. A. an mehr als 3000 normalen Schul-
        

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