Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Ursachen der Differenzen zwischen wirklicher und scheinbarer Körpergröße
Person:
Hofbauer, Ludwig
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30216/3/
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Ludwig Hofbauer, 
geübt haben. „Da1 übrigens die homerischen Meisterstücke 
der Poesie älter waren als irgend ein Meisterstück der Kunst, 
da Homer die Natur eher mit einem mahlerischen Auge be¬ 
trachtet hatte als ein Phidias, so ist es nicht zu verwundern, 
dafs die Artisten verschiedene, ihnen besonders nützliche Be¬ 
merkungen, ehe sie Zeit hatten, sie in der Natur selbst zu 
machen, schon bey dem Homer gemacht fanden, wo sie die¬ 
selben begierig ergriffen, um durch Homer die Natur nach¬ 
zuahmen. “ 
Als prägnantes Beispiel eines solchen Bildwerkes, an 
welchem diese Erkenntnis voll und ganz zur Geltung kommt, 
sei die Statue des Apoxyomenos von Lysippos angeführt. Um 
der Figur den Stempel des Übermenschlichen und Hoheitsvollen 
aufzuprägen, hat hier der Künstler das Verhältnis zwischen 
Oberleib und Beinen so gewaltig zu Gunsten der letzteren ver¬ 
schoben, dafs diese Proportion 446,1 :553,8 beträgt, während 
sie physiologischer Weise beim Manne nach Quetelet durch die 
Zahlen 97 :100 charakterisiert erscheint. Und noch sehr viele 
andere antike Bildwerke, insbesondere der späteren Zeit sind 
in eben solchen Verhältnissen aufgebaut, z. B. die medicäische 
Venus, der Antinous und der Apollo vom Belvedere.2 
Aber nicht blofs das klassische Griechenland, sondern auch 
die neue Kunst sucht durch Strecken der unteren Gliedmafsen 
die Gestalten zu heben. Ein eklatantes Beispiel dieser Art 
besitzen wir in Rafaels sixtinischer Madonna. Denn wenn hier 
die unteren Gliedmafsen den Rumpf nicht um so viel an Gröfse 
übertreffen wie bei den vorerwähnten männlichen Gestalten, so 
ist die Ursache dafür darin zu suchen, dafs physiologischer 
Weise beim Weibe Ober- und Unterkörper gleich grofs sind, 
was sich schon in dem alten Satze ausdrückt: „Centrum rotundi- 
tatis est Umbilicus, centrum longitudinis Symphysis.u 
So allbekannt aber auch die Erfahrung ist, dafs jede 
Änderung der Gröfsenverhältnisse zwischen den Beinen einer¬ 
seits und dem Oberleib andererseits eine Veränderung der 
scheinbaren Gröfse der Gesamtfigur zur Folge habe; von keiner 
Seite ist der Versuch gemacht worden, eine Erklärung dafür 
1 Lessing (1. c.). 
8 Vergl. auch Hogarth, Zergliederung der Schönheit, Aus dem Eng 
lischen übersetzt von 0. Mylius, London. 1754. S. 68.
        

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