Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Ursachen der Differenzen zwischen wirklicher und scheinbarer Körpergröße
Person:
Hofbauer, Ludwig
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30216/2/
Differenzen zwischen wirklicher und scheinbarer Körpergröfse 207 
hältnis zwischen dem Oberleib und den unteren Extremitäten 
es ist, welches die scheinbare G-röfse der Gesamtfigur gar 
mächtig zu beeinflussen im stände ist, und zwar in folgender 
Weise : 
Bei gegebener Körpergröfse erscheint die menschliche Ge¬ 
stalt um so gröfser, je mehr von ersterer auf die Eüfse und 
Schenkel entfällt, und um so kleiner, je mehr davon dem 
Stamme zuerkannt ist. 
Nun war dieses Verhalten schon guten Naturbeobachtern 
des grauen Altertums bekannt; denn in zahlreichen Werken 
des klassischen Griechenlands tritt uns dasselbe, wohl verwertet, 
entgegen. 
So verwendet es Homer dazu, um unserem geistigen Auge 
mit seiner Hülfe den Menelaos1 in einer Gestalt vorzuführen, 
welche die Königsgewalt würdig repräsentiert. Lessing bemerkt 
dazu im XXII. Kapitel des rLaokoon44 : 
„Schon Homer hat es empfunden und angedeutet, dafs es 
ein erhabenes Ansehen giebt, welches blofs aus diesem Zusatze 
von Gröfse in den Abmessungen der Eüfse und Schenkel ent¬ 
springet. Denn wenn Antenor die Gestalt des Ulysses mit der 
Gestalt des Menelaos vergleichen will, so läfst er ihn sagen: 
„Wenn beide standen, ragte Menelaos mit den breiten 
Schultern hoch hervor. 
Wenn aber beide safsen, war Ulysses der ansehnlichere.44 
Da Ulysses also das Ansehen im Sitzen gewann, welches 
Menelaos im Sitzen verlor, so ist das Verhältnis leicht zu be¬ 
stimmen, welches beider Oberleib zu den Füfsen und Schenkeln 
gehabt. Ulysses hatte einen Zusatz von Gröfse an den Pro¬ 
portionen des ersteren, Menelaos in den Proportionen des 
letzteren.44 
Aber nicht blofs bei Homer, sondern auch in zahlreichen 
Werken der bildenden Künstler des klassischen Altertums finden 
wir diese Erfahrung verwendet. Es mag dahingestellt bleiben, 
ob dieselben den Einflufs der Proportionen zwischen den 
einzelnen Körperteilen durch eigene Beobachtungen kennen 
lernten oder dem Studium des Homer verdankten. Denn es ist 
allbekannt, welch’ mächtigen Einflufs die Schriften des letzteren 
auf die Entwickelung und Ausbildung der bildenden Künstler 
1 Ilias, IH. 210, 211.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.