Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Patten: The Theory of social forces. Supplement to the annals of the American Academy of Political and Social Science. Philadelphia. Jan. 1896. 151 S.
Person:
Scholz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30092/3/
478 
Litter aturbericJit. 
ih.ni folgt der prüfende, hemmende und sichtende Verstand. Während 
so das Empfindungslehen durch Erweckung kräftiger Impulse den Weg 
in ein neues, unbekanntes Land zeigt, baut die Vernunft das einmal er- 
rungene Gebiet mit weiser Überlegung aus. 
Gerade die Äufserungen des Gefühlslebens — Instinkt, Phantasie, 
Idealismus, Glaube, sittliche Kraft —, die bei der Würdigung des sozialen 
Fortschrittes bisher zu gering geachtet wurden, spielen eine weit gröfsere 
Bolle im sozialen Leben, als der nüchterne Verstand, ja sie erscheinen 
dazu bestimmt, für die Zukunft die ausschlaggebenden Faktoren der 
Evolution zu werden. Wir stehen augenblicklich unter dem Zeichen des 
Beginns einer neuen, bedeutungsvollen, vielleicht der bedeutungsvollsten, 
Epoche in der gesellschaftlichen Entwickelung. Während bisher das 
Streben jedes Individuums sowohl wie jeder Genossenschaft, jedes 
Volkes etc. dahin ging, in eine vor Gefahren und Schädlichkeiten mög¬ 
lichst geschützte Umgebung zu gelangen, während die ganze Menschheits¬ 
geschichte sich charakterisierte durch immerwährende Kämpfe gegen 
äufsere Feinde allerlei Art, so dafs es nicht möglich wurde, sich ruhigen 
Besitzes zu erfreuen, ist die Kulturmenschheit jetzt so weit vorgeschritten, 
dafs sie als unbestrittene Herrin der Welt nur noch danach zu trachten 
braucht, ihr Leben schöner und würdiger zu gestalten: nicht mehr Ver¬ 
meidung von Gefahren, sondern möglichste Aneignung des Angenehmen 
und Schaffung gesunder sozialer Verhältnisse wird das Prinzip des 
Handelns. Aus der „Schmerz-Ökonomie“ (pain-economy) treten wir über 
zur „Lustükonomie“ (pleasure-ecönomy). 
Aber der Übergang vollzieht sich nicht leicht. Das Jahrtausende 
lange Verweilen in der „Schmerz-Ökonomie“ hat unseren geistigen Mecha¬ 
nismus und damit die ganze soziale Evolution in hervorragender Weise 
beeinflufst. Verfasser stellt die Frage auf: Wie würde der Entwickelungs¬ 
gang sich gestaltet haben, wenn wir nicht erst jetzt in das Stadium der 
„Lust-Ökonomie“ eingetreten wären, sondern wenn eine solche von An¬ 
fang an existiert, d. h. wenn es keine äufseren Gefahren durch Feinde, 
elementare Ereignisse, Hungersnot u. dergl. gegeben hätte? Sein fingierter 
„Social Commonwealth“ stellt ein solches ideales Gemeinwesen dar, in 
welchem Furcht und Schmerz ungekannte Dinge sind. Hier haben die 
sozialen Kräfte freies Spiel: der Einzelne erkennt frühzeitig, dafs seine 
Interessen, die ja keinen äufseren Angriffen ausgesetzt sind, am ersten 
gefördert werden, wenn er sie denen der Gesellschaft unterordnet, daher 
die ökonomische Entwickelung rasch und lebhaft vor sich geht. Die 
einzigen Gefahren, die der Gesellschaft drohen, entspringen den mannig¬ 
fachen Formen der Versuchung, der Arbeitsscheu und des Leichtsinns, 
wie sie bei der Gröfse materiellen Keichtums und Wohlergehens erklär¬ 
lich sind. Gegen diese Übel hat der Mensch des Idealstaates allein zu 
kämpfen, — denn andere kennt er ja nicht. Die Individuen und Familien, 
welche den Versuchungen durch Schaffung ethisch-ästhetischer Ideale 
immer höherer Natur siegreich widerstehen, werden überleben und Ge» 
nerationen erzeugen, die ihrerseits wiederum geeignetere „Erfordernisse 
zum Überdauern“ ausbiiden, bis schliefslich ein Menschentypus entsteht, 
der jeder Neigung zu Laster und Sünde einen unübersteiglichen Wall
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.