Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ernst Meumann: Untersuchungen zur Psychologie und Ästhetik des Rhythmus. Habilitationsschrift (Leipzig). Erster Teil. Theoretische Grundlegung. - Philos. Stud. X. S. 249-322 u. S. 393-430. 1894
Person:
Stern, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30049/2/
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Litteraturbericht. 
wiegt. Drei von den vier Kapiteln der Arbeit tragen Überschriften, die 
sich auf historisch-litterarische Nachweise zu beziehen scheinen. In 
Wirklichkeit enthalten sie viel mehr: teilweise lange zusammenhängende 
Erörterungen rein psychologischer Natur (so behandelt Kapitel II, das 
sich betitelt „Beiträge von seiten der Musiktheoretiker“, ausführlich die 
Analyse des einfachen Schallrhythmus und des musikalischen Rhythmus); 
zum anderen Teile finden sich eingestreut eine Menge selbständiger und 
neuer Gedanken, die in ihrer Bedeutung weit über eine Kritik der 
betreffenden Autoren hinausgehen, aber durch dies sporadische Auftreten 
ihren Zusammenhang mit den leitenden Ideen der Arbeit mehr erraten 
als erkennen lassen. 
Ich habe der Besprechung dieser Aufserlichkeiten einen etwas 
breiten Spielraum gewährt, weil, wie ich hoffe, hier noch Abhülfe möglich 
ist; handelt es sich ja nicht um eine definitiv abgeschlossene Arbeit, und 
zudem um eine Arbeit, der es zu wünschen ist, dafs sie nicht auf Grund 
formaler Mängel in ihrem Werte verkannt und unterschätzt würde. 
Denn ich stehe nicht an, es auszusprechen, dafs die MsuMANNSche 
Abhandlung schon in dem, was uns vorliegt, mit zu dem Besten zählt, 
was in der letzten Zeit auf dem Gebiete psychologischer Selbstbeobachtung, 
Analyse und Kritik geleistet worden ist. Vor allem zeigt M. die Einsicht, 
die mir stets als charakteristisches Merkmal des berufenen psychologischen 
Analytikers erschienen ist: ein komplexes Phänomen bedarf zu seinem 
Verständnis der Berücksichtigung einer Mehrheit von Faktoren; während 
der psychologische Laie gar schnell zur Hand ist mit dem Bestreben, 
ein einzelnes Teilmoment zum allein seligmachenden Erklärungsprinzip 
zu erheben. Das Letztere geht recht drastisch aus den meisten der von 
M. kritisierten bisherigen Rhythmustheorien hervor; jener will die 
Betonung, dieser die zeitliche Begrenzung, ein dritter den Einflufs des 
periodischen Atem- oder Pulsvorganges, ein vierter zufällig rhythmi¬ 
sierte Bewegungen zum alleinigen konstituierenden Faktor der Rhythmus¬ 
wahrnehmung machen. M. aber weifs mit Scharfsinn den Anteil von 
Zeitperzeption und Betonung, von physiologischen Begleitvorgängen, von 
sensorischen, motorischen, zentralen Prozessen gegeneinander abzugrenzen ; 
und er beachtet die Modifikationen, die der Rhythmuseindruk jeweilig 
durch die Besonderheiten des zu rhythmisierenden Stoffes erhält. 
Doch wenden wir uns nun zum Einzelnen. 
Das erste Kapitel bringt eine kritische Erörterung der Versuche 
zur Ausbildung einer allgemeinen Theorie des Rhythmus. — Die ent¬ 
wickelungsgeschichtlichen Betrachtungsweisen stellen sich als 
dürftig und oberflächlich heraus, die teleologischen als höchstens von 
heuristischem Werte, die rein ästhetischen als „wortreiche Beschrei¬ 
bungen rein symbolischer Art.“ Insbesondere wird hier und anderwärts 
die Analogisierung von Architektur und Musik, von Symmetrie und 
Rhythmus gegeifselt. Die physiologischen Erklärungsversuche sind, 
meist von Nichtfachmännern herrührend, überhaupt nicht diskutabel; 
eine Ausnahme bildet Mach, dessen Theorien jedoch auch Ablehnung 
erfahren. Prinzipiell spricht sich Meumann dahin aus, dafs man überhaupt 
aus physiologischen Vorgängen rhythmischer Art das Wesentliche ues
        

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