Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Dugas: Recherches expérimentelles sur les différents types d'images. Rev. philos. Bd. 39. S. 285-292. März 1895
Person:
Giessler, M.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30025/2/
Litter aturbericht. 169 
der Vorzug gegeben. Die Geister unterscheiden sieb je nach dem Teile, 
welche sie denselben Bildern entnehmen. Die einen halten sich mehr 
an die Wiederholung der wirklichen Bilder, die anderen gehen in der 
Herstellung der Bilder freier vor. Unter den letzteren giebt es solche, 
welche ihre .Repräsentationen ausschmücken, und solche, welche sie 
vereinfachen. Erstere verhalten sich also synthetisch, letztere ana¬ 
lytisch. 
Unter dem Typus der Analytiker führt D. ein Individuum an, dessen 
repräsentative Bilder auf die blofse Farbe reduziert sind. Beim Ver¬ 
nehmen des Wortes „Soldat“ sieht dieses Individuum eine rote Färbung, 
bei „Trompete“ ein Blinken, bei „Eisenbahn“ eine schwarze Masse. 
Unter den Analytikern begegnet man auch solchen, deren Gesichtsbilder 
repräsentativer Natur sind. Einige von ihnen nehmen den „Teil für das 
Ganze“. Wenn man mit einer solchen Person von einer gedeckten Tafel 
spricht, so sieht sie den „Abglanz der Karaffen und des Silberzeuges“. 
Beim Worte Tambour vergegenwärtigt sie sich „schwarze Trommelstöcke 
in Bewegung“. Eine andere Klasse von Analytikern „nimmt das Beiwerk 
für das Hauptsächliche“. So vergegenwärtigt sich X. beim Worte „Hut“ 
einen Kopf, welcher mit einem Hute geschmückt ist. 
D. nennt diese Art von Phantasiebildern Paraphantasien, weil sie 
nicht das direkte Bild hervortreten lassen. 
Die synthetischen Geister charakterisieren sich durch den Reichtum 
und die Fülle der Bilder. Während ein Analytiker beim Vernehmen des 
Wortes „Hut“ einen grofsen schwarzen unbestimmten Schatten sah, sah 
ein Synthetiker den Hut eines Bettlers, der schmutzig und zerrissen 
war, von gelblicher Farbe, mit einer Schnur. Unter den synthetischen 
Repräsentationen kann man solche unterscheiden, welche eine schnelle 
Folge von verschiedenen Bildern darstellen, und solche, welche sich 
anordnen und ein Gemälde bilden. Der Reichtum der Bilder hängt 
auch vom Charakter der Objekte und dem Interesse ab, welches sie 
erregen. 
Die analytische und synthetische Tendenz des Geistes zielen beide 
darauf hinaus, klarer zu sehen. Gleichzeitig verfährt der Geist in beiden 
Fällen ökonomisch. Denn, wenn er seine Phantasiegebilde einschränkt, 
so spart er seine Kräfte. Gestattet er seiner Phantasiethätigkeit ein 
umfassendes Wirken, so spart er damit zeitraubende und mühsame 
Überlegungen. 
Ohne Zweifel hat D. in dieser Abhandlung einige wichtige Typen 
von Phantasiebildern richtig charakterisiert. Ob man jedoch die Geister 
wirklich durchweg nach diesen Typen einteilen kann, ist mir vorläufig 
noch nicht klar. Thatsache ist, dafs ein grofses Kontingent der Ana¬ 
lytiker aus den Reihen der Kinder geliefert wird, von denen viele später 
Synthetiker werden. Überhaupt ist in vielen Fällen weniger eine ursprüng¬ 
liche geistige Richtung für das Verhalten der Phantasiethätigkeit aus¬ 
schlaggebend, als vielmehr die Häufigkeit oder Seltenheit und die Neu¬ 
heit des Vorkommnisses, der Bildungsgrad und Bildungsgang, sowie die 
augenblickliche Disposition des Individuums. 
M. Giessler (Erfurt).
        

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