Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
G. Maier: Pädagogische Psychologie für Schule und Haus. Gotha, F. A. Perthes. 1894. 316 S.
Person:
Ufer
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29847/3/
Litteraturbericht, 
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etwas Neues als Ersatz geboten wird, und das bat auch Mai kr nicht 
ge than, ja er bat an den pädagogischen Folgerungen der HERBARTschen 
Schule nicht einmal eine wirklich einschneidende Kritik geübt, die ge« 
wifis nicht ohne jeden Nutzen gewesen wäre. 
Die Beweise hierfür sind nicht schwer zu erbringen. Was den 
Unterricht anlangt, so brauoht man blofs von dem etwas eigentümlichen 
Zugeständnisse Kenntnis zu nehmen, „dafs derselbe bei aller ausschlag¬ 
gebenden Bedeutung des mächtigen Gottes Eros (?) durch den Weg der 
Vorstellungen geht und so viele Männer der Schule Hbrbarts praktisch 
im Segen arbeiten“ (S. 9), sowie von der Thatsache, dafs wirklich neue 
pädagogische Folgerungen aus der vorgetragenen Psychologie gar nicht 
gezogen werden. Aber auch in der Dehre von der Erziehung im engeren 
Sinne, der Gefühls- und Willensbildung, findet man bei genauerem Zu¬ 
sehen nur die Vorstellungen als Hebel aller pädagogischen Thätigkeit 
bezeichnet. Wir sagen ausdrücklich bei genauerem Zusehen, denn der 
Verfasser liebt bei seinen Ausführungen häufig einen leichten Nebel, 
den der Blick durchdringen mufs, um zu erkennen, was dahinter steckt» 
Wo bleibt da die Veranlassung zu den harten Worten, die der Verfasser 
über die Pädagogik Herbarts und seiner Schule ausgesprochen hat? 
Man könnte ihm allenfalls zugestehen, dafs erziehliche Mafsnahmen 
überhaupt nicht die weitreichende Macht haben, welche man ihnen in 
der HERBARTschen Schule hin und wieder wohl zutraut, aber an ihrer 
Richtigkeit innerhalb des Möglichen ändert das doch nichts. 
So sehen wir also, dafs Maier ebensowenig, wie kürzlich Burkhardt 
in seinen „Psychologischen Skizzen“ aus der neueren Psychologie einen 
wesentlichen Vorteil für die Entwickelung der Pädagogik zu ziehen 
gewufst hat. Der Grund liegt darin, dafs die neuere Psychologie bei 
Maier nicht eigentlich verwertet, sondern mehr referierend behandelt 
ist. Der Verfasser hat zur pädagogischen Verwertung auch eine viel zu 
schwankende eigene Stellung. Das verrät er schon im Vorworte, wo er 
erst erklärt, dafs es an einer Arbeit fehle, „die den Ertrag der letzten 
Jahrzehnte namentlich mit .Rücksicht auf die Physiologie zu nützen 
sucht", gleich darauf aber von der Experimentalpsychologie „nicht all¬ 
zuviel“ erwartet. Bei dieser Halbheit kann es nur verwunderlich er¬ 
scheinen, dafs der Verfasser dennoch das Bedürfnis gehabt hat, der 
pädagogischen W eit ein neues Buch vorzulegen, das den neueren psycho¬ 
logischen Forschungen entsprechen soll. 
Der Berichterstatter, obwohl Herbartianer, hat von den Forschungs¬ 
ergebnissen der letzten Jahrzehnte, die für ihn (für Maier nicht?) mit 
denen der Experimentalpsychologie so ziemlich zusammenfallen, doch 
eine viel günstigere Ansicht bezüglich ihrer Verwertbarkeit in päda¬ 
gogischer Hinsicht, wenn er auch bis auf weiteres bezweifeln mufs, dafs 
sich auf sie ein originelles pädagogisches System, das dem HERBARTschen 
überlegen wäre, gründen läfst. Er würde es beispielsweise für recht 
nützlich halten, wenn Untersuchungen wie die von Ebbinghaus, Binbt 
und Henri (L’Année psychologique. 1894) über das Gedächtnis, wie ferner 
die von Mosso, Ssikorskt, Burgerstein, Kraepelin u. a. über die Ermüdung 
auf die Pädagogik nach den verschiedensten Richtungen erschöpfend 
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