Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
G. Maier: Pädagogische Psychologie für Schule und Haus. Gotha, F. A. Perthes. 1894. 316 S.
Person:
Ufer
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29847/2/
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Litteraturbericht. 
oder die Sammlung Pfisterers kaum zu den trefflichen Werken rechnen. 
Auch der Berichterstatter hat schon früher wiederholt und mit Bedauern 
hervorgehoben, dafs es an einer p&dagogischen Psychologie fehle, in 
4er die neueren Forschungsergebnisse ausgiebig berücksichtigt wären. 
Der Grund für diesen Mangel, der vielfach empfunden wird, ist 
nicht schwer einzusehen. „Ohne das gewisse und erprobte Alte preis¬ 
zugeben“, kann man doch wohl sagen, dais die Psychologie eine recht 
junge Wissenschaft sei, in der es im einzelnen noch gar sehr der 
Klärung bedürfe. Diese notwendige Klärung setzt aber eine Übersicht 
Über die aufserordentlich zahlreichen gröfseren und kleineren, überdies 
noch vielfach verstreuten Untersuchungen voraus, zu deren Gewinnung 
die Mittel nicht für jeden zu erwerben sind, der den guten Willen dazu 
hat. Dem Verfasser aber mufs zugestanden werden, dafs er diese Über¬ 
sicht in einem Grade besitzt, den man bei Pädagogen, die auf diesem 
Gebiete schriftstellerisch thätig sind, leider nur selten antrifft, und so 
darf sein Buch als ein einigermaßen brauchbares Hülfsmittel zur Orien¬ 
tierung über die psychologische Arbeit der letzten Jahrzehnte recht 
wohl bezeichnet werden. 
Nun geht aber des Verfassers Absicht nicht allein dahin, in psycho¬ 
logischer Beziehung zu orientieren, was ihm so ziemlich gelungen ist, 
sondern sie richtet sich darauf, eine Fortbildung der Pädagogik auf 
psychologischer Grundlage zu bieten oder doch wenigstens einzuleiten, 
was ihm durchaus nicht gelungen ist. — Es giebt in der Gegenwart nur 
eine pädagogische Richtung, die aus der Psychologie in konsequenter 
und durchgreifender Weise Nutzen gezogen oder doch Nutzen zu ziehen 
versucht hat — die Schule Herbarts. Ihr erklärt der Verfasser den 
Krieg, indem er sagt: „Es ist keine Frage, dafs der Anspruch, den die 
sogenannte HE&BARTsche pädagogische Schule erhebt, die ausschließlich 
.wissenschaftliche zu sein, und das Ansehen, dessen sie sich fortwährend 
in der pädagogischen Welt erfreut, geeignet ist, die Pädagogik um allen 
wissenschaftlichen Kredit zu bringen“ (S. 9). Das klingt scharf genug 
und wird noch verschärft durch den Umstand, daß die Worte in Sperr¬ 
druck gesetzt sind. 
Angesichts dieser Schärfe ist es in Rücksicht auf Fernerstehende 
geboten, einem Irrtum zu begegnen, der durch die Äußerung des Ver¬ 
fassers leicht hervorgerufen werden könnte, wenn sie unbeanstandet 
bliebe. Man darf durchaus nicht annehmen, daß die pädagogische Schule 
Herb Abts der Ansicht sei, außer der von ihr vertretenen Lehre könne 
es eine wissenschaftliche Pädagogik überhaupt nicht geben; nur das 
eine behauptet sie, und auch viele ihrer Gegner haben es ausgesprochen, 
dafs es ein anderes, in gleichem Maße psychologisch durchgebildetes 
Erziehungssystem bis jetzt nicht gebe. Dem wird auch Maier kaum 
widersprechen. Der Berichterstatter selbst, obwohl er sich zur päda¬ 
gogischen Schule Herbarts zählt, kann nach seinen Ausführungen in 
Bd. VIII, S. 104 ff. dieser Zeitschrift nicht in den Verdacht kommen, als 
sei er mit dem Stande der Dinge in seiner Richtung vollständig zufrieden 
und fordere für sie allgemeine Anerkennung und Bescheidung. Er mag 
aber, mit Maier zu reden, das erprobte Alte nicht preisgeben, bis ihm
        

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