Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Richard Legge: Music and the Musical Faculty in Insanity. Journ. of Ment. Science. Vol. XL. S. 368-375. 1894
Person:
Wallaschek
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29744/1/
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Litter a turbericht. 
Formen und Verteilen von Tonmassen, das ohne hohe Entwickelung des 
Gehirnes nicht zu denken ist. Mit dem Gefühl allein kommt man da 
nicht mehr aus. Es giebt eben verschiedene Arten, um nicht zu sagen 
Grade von Musik, zum mindesten wird Reproduktion (blofse Aus¬ 
führung) und Produktion (Komposition) zu unterscheiden sein, worauf 
ich an anderer Stelle wiederholt aufmerksam gemacht habe. An solche 
Unterschiede hat Herr Ireland leider nicht gedacht und kommt schliefs- 
lich zu den schon wiederholt in verschiedenen Artikeln und Büchern 
hervorgehobenen Schlufsfo]gerungen : die musikalische Begabung gehe 
von beiden Hälften des Gehirnes aus, und es sei zweifelhaft, ob sie an 
eine bestimmte Stelle desselben gebunden sei. Sie bleibe auch nach 
Gehirnkrankheiten intakt (survive after brain-diseases). Das kommt 
nun, wie gesagt, darauf an, was man unter Musik versteht. Ich weifs 
keinen Fall, wo ein Komponist trotz der Folgen einer Gehirnkrankheit 
(es giebt deren zahlreiche berühmte Fälle) noch komponiert hätte. 
Wertvoll sind zwei praktische Fälle, die der Verfasser zitiert. Ein 
18jähriges Mädchen, dessen Sprachstimme schwach und heiser war, hatte 
nichtsdestoweniger eine klare Gesangsstimme. Der Fall wurde als hyste¬ 
rische Aphonie bezeichnet. Ein anderer Fall betrifft einen Mann, der 
den Ton einer Violine nicht von dem einer Trompete (!) unterscheiden 
konnte. Eine derartige Klangfarbenverwechselung ist meines Wissens 
einzig in ihrer Art. Wallaschek (London). 
Richard Legge. Music and the Musical Faculty in Insanity. Journ. of 
Ment. Science. Vol. XL. S. 368—375. (1894.) 
Legge untersucht zunächst den Begriff „Musical Faculty“ und zerlegt 
ihn in folgende Bestandteile: 1. relatives und absolutes Tongedächtnis; 
2. emotionale Empfänglichkeit für den Einflufs der Musik; 3. Fertigkeit 
im Gesang und Spiel von Instrumenten; 4. Kompositionstalent. Diese 
Zerlegung scheint mir nicht ganz glücklich, zumal der Verfasser nicht 
sagt, ob er alle vier Bestandteile oder etwa nur einen als zur musika¬ 
lischen Befähigung genügend erachtet. Keine der beiden Möglichkeiten 
läfst sich ohne weiteres bejahen; so steht das absolute Tongedächtnis in 
keinem direkten Verhältnis zur musikalischen Befähigung, auch nicht 
zum Kompositionstalent. Einige unserer gröfsten Sänger sind unmusi¬ 
kalisch. Andererseits ist das relative Tongedächtnis in der Fertigkeit 
in Spiel und Gesang inbegriffen. Noch problematischer ist die weitere 
Bemerkung, dafs ein musikalisches Gehör (ear for music) immer vor¬ 
handen sei, „wenn man darunter die Fähigkeit versteht, zwischen hohen 
und tiefen Tönen zu unterscheiden“. Kennt denn der Verfasser die Ton¬ 
taubheit nicht? „Wo ein musikalisches Gehör vorhanden ist,“ heifst es 
weiter, „da giebt es auch einen Sinn für Rhythmus“. (369.) Nun heifst 
musikalisches Gehör jedenfalls etwas ganz anderes als oben, aber was? 
„Eine Person, die kein Gehör hat (with no ear), kann wahrscheinlich 
sagen, welcher von zwei ihr vorgespielten Tönen der höhere ist, aber 
sie wird eine geringe oder gar keine Vorstellung haben von dem Intervall 
zwischen beiden.“ Die Kenntnis des Intervalls ist jedoch nicht blofs 
Sache des Gehörs, sondern des Studiums und der Übung. Wie soll
        

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