Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
E. L. Fischer: Theorie der Gesichtswahrnehmung. Untersuchungen zur physiologischen Psychologie und Erkenntnislehre. Mainz, Franz Kirchheim. 1891. XVI und 392 S.
Person:
Hillebrand, Fr.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29598/1/
Li tteraturbericht. 
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letztere darin besteht, dafs der Befallene die Schriftzeichen nicht mehr 
erkennt. 
Das Wesentliche des Krankheitsbildes ist folgendes: D., 21 J. alt, 
Drechsler, wird als Soldat bei der Melinitbereitnng beschäftigt, was ihm 
Unwohlsein nnd Erbrechen erregt. Plötzlich stellt sich Schwindel nnd 
Aphasie ein, beide schnell nnd vorübergehend, aber öfter sich wieder¬ 
holend. Pat. erhält einen halbjährigen Urlaub, während dessen er sich 
wohl befindet. Wieder in Dienst, leidet D. an heftigem Kopfschmerz und 
aphasischen Anfällen; vermag weder zu lesen, noch zu schreiben, 
stammelt beim Sprechen, kommt in die CHARCoTSche Klinik, wo man 
aufser Retinitis duplex, Hemiopie und Diplopie rechterseits infolge von 
Lähmung des Nervus abducens, keine weiteren Organstörungen, keine 
Beeinträchtigung der Intelligenz findet. Auch Seelenblindheit ist nicht 
anzunehmen, denn D. nennt unverweilt die Gegenstände, die man ihm 
zeigt. Nur Wortblindheit und vor allem Agraphie sind vorhanden. 
Bisweilen zwar liest er zehn Worte hintereinander korrekt, bisweilen 
stockt er schon beim dritten. Zu schreiben aber — mit Ausnahme 
seines und seines Vaters Namen, die gleichlautend sind — vermag er 
nicht, weder spontan noch unter Diktat, sogar dann nicht, wenn er ein 
Wort richtig gelesen hat; bei einzelnen Buchstaben und Zahlen gelingt 
es ihm eher, ebenso wenn er eine Vorschrift kopieren soll. Die Zahlen 
addiert und subtrahiert er ganz richtig. — Schliefslich starb Patient 
unter heftigsten Kopfschmerzen und Hyperästhesie der linken Körper¬ 
hälfte, vollständig erblindet, im Coma ohne Konvulsionen und Bewegungs¬ 
störungen. Die Sektion ergab ein umfangreiches Gliom der linken 
Grofshirnhemisphäre, das kleiner an der Oberfläche, den Pli courbe,1 in 
der Tiefe gröfser, den unteren Teil des Lobulus quadratus umfafst und 
zerstört hat. — Der Befund erklärt die Wortblindheit und die Hemiopie. 
Überdies spricht die Integrität des Fufses der zweiten Stirnwindung — 
wohin Exner, Charcot, Marie u. a. m. das selbständige Schreibzentrum 
verlegen, — dafür, dafs der Fall zu den Fällen von sensorieller Agraphie 
infolge von Wortblindheit gehört. Fraenkel. 
E. L. Fischer. Theorie der Gesichtswahrnehmung. Untersuchungen zur 
physiologischen Psychologie und Erkenntnislehre. Mainz, Franz 
Kirchheim. 1891. XVI und 392 S. 
Die vorliegende Arbeit ist wesentlich erkenntnis-theoretischen Fragen 
gewidmet; die Gesichtswahrnehmungen spielen dabei keine andere Polle, 
als dafs an ihnen das exemplifiziert wird, was der Verfasser über den 
Begriff und den Erkenntnis wert der sog. äufseren Wahrnehmung über¬ 
haupt zu sagen hat. Scheint mir so der Titel nicht recht dem Inhalte 
zu entsprechen,2 so mufs ich es andererseits für bedenklich halten, wenn 
1 Lobulus parietalis inferior. Pansch. 
2 Dem Verfasser ist diese Diskrepanz selbst aufgefallen. In der 
Vorrede bemerkt er (pag. X), es hätte dem Inhalte besser entsprochen, 
wenn er den Titel „Zur Theorie der Sinneswahrnehmung, speziell der Gesichts- 
perception11 gewählt hätte. 
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