Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
James Mark Baldwin: Handbook of Psychology. New York, Henry Holt & Co. Bd. I. 2. Aufl. 1890. VII u. 343 S. Bd. II. 1891. IV u. 387 S.
Person:
Stumpf, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29551/5/
Li tteraturbericht. 
297 
der Wille sich immer durch Muskelreaktionen äufsere, was dem obigen 
Gesetz der Dynamogenesis entspricht, mir aber wieder sehr bestreitbar 
scheint. Folgt wieder eine eingehende Diskussion der Antriebe, hier 
Motive genannt, wobei die Mitwirkung unbewufster Einflüsse neben den 
bewufsten Zielen betont wird. Den Willen selbst scheidet B. in einen 
positiven und negativen, ein „Fiat“ und ein „Neget“. Die logische 
Rechtfertigung des letzteren Ausdruckes ist mir dunkel geblieben. (Chr. 
Wolff sagte: de Yoluntate et Noluntate). Beiderlei Zustände werden 
analysiert und im „Fiat“ nicht weniger als sieben Elemente gefunden, 
wobei freilich sogar die durch die Bewegung hervorgebrachten Muskel¬ 
empfindungen mitgezählt werden. Verfasser hebt seine Übereinstimmung, 
aber auch seine Abweichung gegenüber James hervor. Unter dem Titel 
„Physiologie der willkürlichen Bewegung“ stellt er dann die Alternative, ob 
der Wille (und entsprechend auch die übrigen Zustände, die Bewegungen 
zur Folge haben) dualistisch in die körperlichen Prozesse eingeschaltet 
oder monistisch als eine, allerdings nicht näher definierbare, Einheit 
mit diesen zu fassen sei. Er bescheidet sich aber mit der Formulierung 
der Alternative. 
Endlich wird der Wille noch für sich betrachtet (351 f., die Ab¬ 
grenzung ist mir nicht klar, es handelt sich anscheinend um die Ein¬ 
führung gewisser allgemeinerer Gesichtspunkte). Es wird hervorgehoben, 
dafs im Wollen die ganze Persönlichkeit in. jedem Moment ihren Aus¬ 
druck finde, dafs man die Motive nicht hypostasieren dürfe, gleich als 
wenn jedes als Kraft für sich auf den Willen ein wirkte, ferner, dafs der 
Wille eine Apperzeption sei, die von der Apperzeption im übrigen sich 
nur durch ihre ausgesprochen motorische Seite unterscheide. Jedem 
Bewufstseinszustand sei zwar diese Seite eigen, aber wenn man eine 
Aktion im Auge habe, so werde „die bewegende Eigenschaft der Elemente 
der Synthese in höherem Mafse gefühlt und sei ein Grad emotioneller 
Wärme und Realität vorhanden, der den vorgestellten Zielen eine neue 
affektive Färbung erteile“. 
Die Begriffe der Überlegung, Wahl, des Charakters u. dergl. werden 
nun untersucht. Die Frage, ob die Einführung von Motiven durch die 
Aufmerksamkeit, oder, was dasselbe sei, die Verstärkung der bezüg¬ 
lichen Vorstellungen ihrerseits unmotiviert erfolge, führt zur Diskussion 
der Willensfreiheit. Dem Verfasser erscheint der Zusammenhang des 
Willens mit den Motiven durchaus verschieden von dem Zusammenhang 
physischer Wirkungen mit ihren Ursachen. Die freie Wahl sei eine 
Synthesis, deren Ergebnis in jedem Fall durch ihre Elemente bedingt, 
aber nicht verursacht sei, ebenso wie ein logischer Schlufs durch die 
Prämissen bedingt, aber nicht durch sie verursacht ist. Den Abschlufs 
des Ganzen bildet die Herleitung der Begriffe, die den Willens¬ 
erscheinungen entnommen sind, Kraft, Pflicht etc. (Rational aspects of 
Volition, Ergänzung zum Schlufsabschnitt des ersten Bandes). — 
Baldwins Werk besitzt nicht die geistvolle Originalität, die Anmut 
und Frische der Darstellung, die Fülle des thatsächlichen Materials, 
wodurch William James’ Psychologie hervorragt, aber es ist systematischer, 
vollständiger, und in vielen Gebieten, namentlich in der Gefühlslehre,
        

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