Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Hirth: Die Lokalisationstheorie angewendet auf psychologische Probleme. Beispiel: Warum sind wir zerstreut? Vortrag, gehalten in der Münchener psychologischen Gesellschaft. München, G. Hirths Verlag. 1894. 73 S.
Person:
Edinger
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29519/2/
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Litteraturbericht. 
Ausbildung schliefsen dürfen auf die Leistungsfähigkeit in psychologischen 
Vorgängen. Wenn in der Tierreihe zuerst hei den Reptilien sich eine 
wohlausgebildete Hirnrinde zeigt, und wenn die Anatomie darthut, dafs 
diese ganz vorwiegend nur mit dem Riechapparat verknüpft ist, so wird 
der Schlufs nicht anzufechten sein, dafs die älteste Rindenthätigkeit bei 
der seelischen Verwertung von Riecheindrücken einsetzt. Dieser Schlufs 
ist dann ebenso fest ziehbar, als er sich etwa aus der Beobachtung — 
mühsam genug wäre sie — von Reptilien im Vergleich zu den rinden¬ 
losen Fischen ergeben würde. So erscheint die Ansicht wohl gerecht¬ 
fertigt, dafs der Psychologie nicht nur auf dem Wege der Beob¬ 
achtung seelischer Vorgänge ein Fortschritt erwächst, sondern 
auch aus der Möglichkeit, dafs Leistungen aus dem Aufbau 
des Seelen organes heraus erschlossen werden können. Namentlich 
da wird sich diese Art der Untersuchung als nützlich erweisen, wo die 
Funktionen, welche sich an die normale Existenz ganz bestimmter 
Rindenteile knüpfen, bereits besser bekannt sind. 
Ich glaube, dafs man wohl berechtigt ist, aus der gröfseren Aus¬ 
bildung des Occipitallappens etwa oder der Rindenpartien um die Zentral¬ 
furche auf die Möglichkeit gröfserer seelischer Leistungsfähigkeit mit 
den Augen oder etwa mit den Extremitäten zu schliefsen. Beim 
Elefant finde ich z. B. dorsal von den Rindenpartien, welche lokali- 
satorisch als Zentren für das Antlitzgebiet bekannt sind und dicht am 
kaudalen Pole der zweiten Stirnwindung ein grofses Rindenfeld, welches 
dem Nashorne vollständig fehlt und auch sonst nirgends analog zu sehen 
ist. Es entspricht wohl dem psychischen Zentrum für die seelische 
Verwertung der Rüsselbewegungen. Wüfste ich gar nichts von diesen 
Fähigkeiten, so wäre dennoch der Schlufs gerechtfertigt, dafs irgendwo 
im mimischen Gebiete bei diesem Tiere eine besonders grofse Möglichkeit 
zu auf Erinnerung eingeübten Bewegungen vorhanden sein mufs, ja 
es liefse sich, wenn man alle Verbindungen des Rüsselfeldes kennte, 
recht wohl ermitteln, was alles das Tier mit seinem Rüssel ausführen 
könnte. Beobachtung der Funktion und Beobachtung des Organes, an 
welche diese geknüpft ist, wirken einander ergänzend fördernd. 
Es ist nun kein Zweifel, dafs man bisher eifrig in der Beobachtung 
der Erscheinungen des Seelenlebens begriffen, noch den Nutzen nicht 
genügend gewürdigt hat, der für ihre Klarstellung aus den erwähnten 
Wechselbeziehungen zu erreichen ist. Überall finden sich zwar schon 
Ansätze, aber so recht zielbewufst ist man anscheinend noch nicht vor¬ 
gegangen. Namentlich ist von den nun einmal sicher gestellten That- 
sachen der Rindenlokalisation und von den anatomischen Erfahrungen 
über die Gröfsenbildung der einzelnen Rindenfelder noch nicht der 
volle Vorteil gezogen. Versucht man aber einmal, sich hier nicht halb, 
sondern ganz auf den Boden des bereits Ermittelten zu stellen, so ergeben 
sich für viele Dinge relativ einfache Verhältnisse, und in noch mehreren 
erheben sich neue Fragen, deren Beantwortung nicht allzuschwer sein 
und zur weiteren Klarstellung vieler kaum noch in Begriff genommener 
Teile der Seelenlehre beitragen wird. Diesen Versuch macht die treff¬ 
liche kleine Schrift, welche hier angezeigt werden soll. Ich möchte sie
        

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