Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Dritter Band. Zweite Abtheilung: Die Vögel. Erste Hälfte: Knacker und Sänger.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29459/604/
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$5ie gänger. £flauT5t>ö^eT. ©eier. 
Sftit feinen ÇamilienOerWanbten t^eitt er eine große Siebe gur ©efelligteit. ©ingelu fïeïjt man iïjn 
l)ödhft feiten, paarWeife fd)on öfter, am häufigften aber in größeren ober feineren ©efellfdhaften. (Sr 
oereinigt ftd), Weit fein ^panbWert eg mit fid) bringt, mit anbern ©eiern, aber bod) immer mir auf 
turge 3^it. ©obatb bie gemeinfame SCafel aufgehoben ift, bekümmert er fid) um feine SSerWanbten 
gar nid)t mehr. 3>m 23eWnßtfein feiner ©cpwädhe ift er frieblid) unb »erträglich, loenn and) nid)t gang 
fo, wie ber alte ©eßtter fagt, Weldjer behauptet, baß er „ganh fordhtfam Onb oergagt" fei, „alfo baß 
er oon ben fftappen Onb anberett bergteid;en S3ögeln gefchlagen, gejagt onb gefangen Wirt, bieWeit er 
fdjWer onb faul gu ber Strbeit ift". $n ©übegppten onb ©übnubien bemerkt man gahlreidje $lüge 
oon ihm, Wetdje fich ftunbenlang burd; prächtige $tugübungen oergnügen, gemeinfchaftlid) ihre (Schlaf; 
ptäjje augfudjenb unb auf Nahrung aitggel)eub, ohne baß man jemals einen 3attk unb ©treit unter 
ihnen Wahrnehmen könne. 3« ©efeltfdjaft ber großen ©eier freilid; benehmen fid) bie ©d)muggeier 
fehr befcheiben; fie fi^ett entfagenb gur ©eite unb fd)auen anfd)einenb ängftlidh beren Treiben gu, Weit 
fie toohl ioiffen, baß jebe tl)ätige SftitWirtung iïjrerfeitg burdh kräftige ©chnabethiebe Oon jenen 
geftrengen Herren gurüdgeWiefeu toerben Würbe. 
®er ©d)tnuggeier ift fein ®oftoerädjter. ©r oergehrt 3Meg, wag genießbar ift. Sttan nimmt 
gewöhnlich, aber mit Itnredjt, an, baß Slag audh für ihn bie -fjpauptfpeife fei : ber ©djmuggeier ift Weit 
genügfamer. SWerbingg erfd)eint er auf jcbem Siafe unb gWai\regetmäßig guerft, Weil er fehr häufig 
ift unb ein geftorbeneg £I)ier früher erfpäht, alg anbere feinet ®elin gang Sifrifa, ja auch ™ 
©übfpanien fd)on bilbet Üïïîehfdjenfoth feine hauptfäd)iid)fte SRaprung. Sibtritte, Wie fie bei ung 
gebräuchlich finb, gibt eg fdhon in ©übfpanien nur in Wenigen Raufern, in ©gppten blog in benen 
ber Wohlhabenben dürfen unb Slraber. 2)ie gange übrige S3eoölteruug ift gegWungett, gur 
23efriebigung ihrer 23ebürfniffe geWiffe $läjje aufgufud)en, Wetd)e für Sßiebehopfe unb ©d)mug; 
g ei er gleidj ergiebig Werben. $ier nun finbet fid) ber le^tere ein, nngefd)eut um bag Treiben ber 
SRenfcbeu, Wetd^e in feinen batbmöglidhft beginnenben Slrbeiten gWar etwag überaug 23erädhtlid)eg, in 
bem S3oget fetbft aber hoch einen 2ßohltl)äter fehen. SDaß eg in 2>nbieu nid)t anberg ift, haben Wir 
burdp 3 er bon erfahren. 3n ber 5Rähe größerer Drtfd)aften Stfritag ift er ein regelmäßiger ©aft bei 
ben ©d)tad)tplähen, weld)e außerhalb ber ©täbte gu liegen pflegen, ipier fifct er bid)t neben bem 
©d)tad)ter unb lauert auf ftleifd) unb ^autfe|en ober auf bie ©ingeWeibe mitfammt beren Inhalt, 
Weld)e fein SSrobgeber ipm guWirft. 2>nx Sftothfalt klaubt er bie blutgetränkte ©rbe auf. S)aß babei 
guWeiten aud) ein ©egenftanb mit unterläuft, welcher eigentlich nicht genießbar ift, ein alter, mit 23lut 
getränkter Sappen g. 23. ober etwag Siehntid)eg, ift gewiß begrünbet. 
©3 hat ung ftetg Vergnügen gewährt, ben ©dhmuggeier bei feinen SRahlgeiten gu beobad)ten. 
©r benimmt fid) babei Weit Weniger gierig, alg feine großen 23erwanbten unb Weiß fidh aud) auf ben 
fd)mugigften ©teilen, Wetd)e er gu befud)en gcgWungen wirb, oerhättnißmäßig rein gu halten. 
S3efonberg angieljenb auf ben europäifdjen 23eobad)ter ift eg, wie richtig er ben SRenfdjeit benrtheilt, 
Wie genau er ihn kennt, ©ineê geWiffen ©chu^eê ober, ridhtiger gefagt, einer gleidjgittigen ©ulbitng 
gewiß, treibt er fidh unmittelbar oor ben £auêthüren herum unb geht feiner Nahrung mit berfelben 
9ftuhe nach Wie ^auêgepget ober minbeftenê Wie eine unferer Mhenarten. 3dh habe beobadjtet, 
baß er fid), Wenn Wir im 3eïte 23ögel abbätgten, big gu ben 3ektpflöden heranfd)tid), ung anfmerkfam 
gufah unb unter unfern Singen bie $leifd)ftiiden auffraß ober bie $nod)eu benagte, wcld)e Wir il)m 
guWarfen. S3ei meinen SBiiftenreifen habe id) il)n Wirtlid) lieb gewonnen, ©r ift eg, Welcher ber 
®araoane tagelang bag ©eleite gibt; er ift nebft ben SBüftenrgben ber erfte 23ogel, welcher fxch am 
Sagerplahe einfmbet unb ber le^te bcg Sieifegugeg (benn gu ihm gehört ber ©d)muggeier), ioeld)cr ihn
        

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