Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/78/
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Die Affen. Waldmenschen. — Orang-Utang. 
Von den übrigen Berichten, welche mir bekannt sind, enthalten noch zwei sehr anziehende und 
wichtige Thatsachen aus dem Leben unsers Thieres; derjenige nämlich, welcher die Beobachtungen 
des großen Cuvier uns mittheilt, und ein zweiter, welchen Kapitän Smitt in der „Gartenlaube" 
veröffentlichte. Ich will auch von diesen das Wichtigste im Auszuge geben. 
Der Pongo, welchen Cuvier in Paris beobachtete, war etwa zehn bis elf Monate alt, als 
er nach Frankreich kam, und lebte dort noch fast ein halbes Jahr. Seine Bewegungen waren lang¬ 
sam und auf dem Boden ganz schwerfällig. Er setzte beide Hände geschlossen vor sich nieder, erhob 
sich auf seine langen Arme, schob den Leib vorwärts, setzte die Hinterfüße zwischen die Arme vor die 
Hände und schob den Hinterleib nach, stemmte sich dann wieder auf die Fäuste re. Wenn er sich auf eine 
Hand stützen konnte, ging er auch auf den Hinterfüßen, trat aber immer mit dem äußern Rande des 
Fußes auf. Beim Sitzen ruhte er in der Stellung der Morgenländer mit eingeschlagenen Beinen. 
Das Klettern wurde ihm sehr leicht; er umfaßte dabei den Stamm mit den Händen, nicht mit den 
Armen und Schenkeln. Wenn sich die Zweige zweier Bäume berührten, kam er leicht von einem 
Baume zum andern. In Paris ließ man ihn an schönen Tagen oft in einem Garten frei, dann 
kletterte er rasch auf die Bäume und setzte sich auf die Aeste. Wenn ihm Jemand nachstieg, schüttelte 
er die Aeste aus allen Kräften, als wenn er seinen Verfolger abschrecken wollte; zog man sich gurück, 
so endeten diese Vorsichtsmaßregeln; erneuerte man den Versuch, so begannen sie sogleich wieder. Auf 
dem Schiffe hatte er sich oft im Takelwerke lustig gemacht; das Schwanken des Fahrzeugs hatte ihm 
jedoch viel Angst bereitet, und er war nie gegangen, ohne sich an Seilen und bergt zu halten. Beim 
Schlafen bedeckte er sich gern mit jedem Zeug, welches er finden konnte, und die Matrosen durften 
sicher darauf zählen, daß sie ein ihnen fehlendes Kleidungsstück bei ihm finden würden. Mit seinem 
Wärter war er sehr vertraut; oft saugte er an seiner Hand, als ob er ihn küssen wollte. Die Essens¬ 
zeit kannte er genau; er kam regelmäßig zur rechten Zeit zu seinem Wärter hin und nahm, was dieser 
ihm gab. Fremdenbesuche wurden ihm oft lästig, und nicht selten versteckte er sich so lange unter seinen 
Decken, bis die Leute wieder fort waren. Bei bekannten Personen that er Dies nie. Nur von seinem 
Wärter nahm er Futter an. Als sich einst ein Fremder an den gewöhnlichen Platz seines Wärters 
setzte, kam er zwar herbei, verweigerte aber, als er den Fremden bemerkte, alle Nahrung, sprang auf 
den Boden, schrie und schlug sich, wie in Verzweiflung, vor den Kopf. Seine Speise nahm er mit 
den Fingern und nur selten gleich mit den Lippen auf und beroch Alles, was er nicht kannte, vorher 
sorgfältig. Sein Hunger war unverwüstlich; er konnte, wie die Kinder, zu jeder Zeit essen. 
Zuweilen biß und schlug er zu seiner Vertheidigung um ftch, aber nur gegen Kinder und mehr 
aus Ungeduld, als aus Zorn. Er war überhaupt sanft und liebte die Gesellschaft, ließ sich gern 
schmeicheln und gab Küsse im eigentlichen Sinne. Wenn er Etwas sehnsüchtig verlangte, ließ er einen 
scharfen Kehllaut hören. Denselben hörte man gleichfalls, wenn er im Zorn war, doch wälzte er sich 
dann oft am Boden und schmollte, wenn man ihm nicht willfahrte. Zwei junge Katzen hatte er be¬ 
sonders lieb gewonnen und hielt die eine oft unter dem Arme oder setzte sie sich auf den Kopf, obschon 
sie sich mit ihren Krallen an seiner Haut festhielt. Einigemal betrachtete er ihre Pfoten und suchte die 
Krallen mit seinen Fingern auszureißen. Da ihm Dies nicht gelang, duldete er lieber die Schmerzen, 
als daß er das Spiel mit seinen Lieblingen aufgegeben hätte. 
Die erwähnte Mittheilung in der Gartenlaube rührt von einem guten Beobachter her, welcher 
den Orang-Utang drei Monate mit sich auf dem Schiffe hatte. Das Thier lebte, so lange sich das 
Schiff auf den asiatischen Gewässern befand, auf dem Verdeck, seinem beständigen Aufenthalt, und 
suchte sich nur des Nachts eine geschützte Stelle zum Schlafen aus. Während des Tages war der 
Orang-Utang außerordentlich aufgeräumt, spielte mit anderen kleinen Affen, die sich an Bord 
befanden und lustwandelte im Takelwerk umher. Das Turnen und Klettern schien ihm ein besonderes 
Vergnügen zu machen, und er führte es mehrmals des Tages an verschiedenen Tauen aus. Seine 
Gewandtheit und die bei diesen Bewegungen sichtbar werdende Muskelkraft war erstaunenswerth. 
Der Erzähler hatte einige hundert Kokusnüsse mitgenommen, von welchen der Affe täglich zwei erhielt.
        

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