Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/760/
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Die Raubthiere. Maulwürfe. — Gewöhnlicher Maulwurf. 
dessen Boden blos zwei Zoll hoch mit Erde bedeckt war, damit er hier, weil er keine unterirdischen 
Gänge bauen konnte, sich die meiste Zeit frei zeigen mußte. Schon in der zweiten Stunde seiner Ge¬ 
fangenschaft fraß er Regenwürmer in großer Menge. Er nahm sie, wie er es auch bei anderm Futter 
thut, beim Fressen zwischen die Vorderpfoten und strich, während er mit den Zähnen zog, durch die 
Bewegung der Pfoten den anliegenden Schmuz zurück. Pflanzennahrung der verschiedensten Art, auch 
Brod und Semmel, verschmähte er stets, dagegen fraß er-Schnecken, Käfer, Maden, Raupen, Schmetter¬ 
lingspuppen und Fleisch von Vögeln und Säugethieren. Am achten Tage legte ihm Lenz eine große 
Blindschleiche vor. Augenblicklich war er da, gab ihr einen Biß und verschwand, weil sie sich stark 
bewegte, unter der Erde. Gleich darauf erschien er wieder, biß nochmals zu und zog sich von neuem 
in die Tiefe zurück. Das trieb er wohl sechs Minuten lang; endlich wurde er aber kühner, packte fest 
zu und nagte, konnte aber nur mit großer Mühe die zähe Haut durchbeißen. Nachdem er jedoch erst 
ein Loch gemacht hatte, wurde er äußerst kühu, fraß immer tiefer hinein, arbeitete gewaltig mit den 
Vorderpfoten, um das Loch zu erweitern, zog zuerst Leber und Gedärme hervor und ließ schließlich 
Nichts übrig, als den Kopf, die Rückenwirbel, einige Hautstücken und den Schwanz. Dies war am 
Morgen geschehn. Mittags fraß er noch eine große Gartenschnecke, deren Gehäus zerschmettert worden 
war, und Nachmittags verzehrte er drei Schmetterlingspuppen. Um fünf Uhr hatte er bereits wieder 
Hunger und erhielt nun eine etwa 21/2 Fuß lange Ringelnatter. Mit^dieser verfuhr er gerade so, wie 
mit der Blindschleiche, und da sie aus der Kiste nicht entkommen konnte, erreichte er sie endlich und fraß 
so emsig, daß am nächsten Morgen Nichts mehr übrig war, als der Kopf, die Haut, das ganze Gerippe 
und der Schwanz. Einer Kreuzotter gegenüber, welche ihn unfehlbar gelobtet haben würde, wurde 
sein Muth nicht auf die Probe gestellt; denn er kam durch einen Zufall früher ums Leben. Doch 
glaubt Lenz, daß er unter der Erde, wo er entschieden muthiger, als in der Gefangenschaft und in 
Gegenwart von Menschen ist, auch wohl eine Kreuzotter angreifen dürfte, wenn diese zum Winterschlaf 
einen seiner Gänge bezieht und hier von ihm in ihrer Erstarrung angetroffen wird. 
Recht deutlich kann man sich an gefangenen Maulwürfen von der Schärfe ihres Geruches über¬ 
zeugen. Ich brachte einen in eine Kiste, welche etwa einen halben Fuß hoch mit Erde bedeckt war. 
Er wühlte sich sofort in die Tiefe. Nun drückte ich die Erde fest und legte fein geschnittenes, rohes 
Fleisch in eine Ecke. Schon nach wenig Minuten hob sich hier die Erde, die feine höchst biegsame 
Schnauze brach durch und das Fleisch wurde verzehrt. Es unterliegt für mich gar keinem Zweifel, 
daß der Geruch den Maulwurf auf allen seinen Jagden leitet. 
Der Geruch befähigt ihn, auch die Nahrung zu entdecken, ohne sie zu sehen oder zu berühren, 
und leitet ihn erfolgreich durch seine verwickelten, unterirdischen Gänge. Alle Maulwurfsfänger wissen, 
wie scharf dieser Sinn ist, und nehmendeshalb, wenn sie Fallen stellen, gern einen todten Maulwurf zur 
Hand, mit welchem sie die Rasenstücke oder Fallen abreiben, die sie vorher in ihrer Hand gehabt haben. 
Die feine, höchst bewegliche Nase dient ihm zugleich als Tastwerkzeug. Dies sieht man hauptsächlich 
dann, wenn das Thier zufällig auf die Oberfläche der Erde gekommen ist und hier eine Stelle 
erspähen will, welche ihm zu raschem Eingraben geeignet scheint. Er rennt eilig hin und her und 
untersucht tastend überall den Grund, bevor er seine gewaltigen Grabwerkzeuge in Thätigkeit setzt. 
Auch während er eifrig gräbt, ist diese Nase immer der Vorläufer des Thieres nach jeder Richtung 
hin. — Das Gehör ist vortrefflich. Wahrscheinlich wird es besonders benutzt, um Gefahren zu ent¬ 
gehen; denn der Maulwurf vernimmt nicht blos die leiseste Erschütterung der Erde, sondern hört auch 
jeden ihm bedenklich erscheinenden Ton mit aller Sicherheit und sucht sich dann so schnell als möglich 
auf und davon zu machen. — Daß der Geschmack hinter diesem Sinne zurücksteht, geht schon aus der 
Vielartigkeit der Nahrung und aus der Gier hervor, mit welcher er frißt. Er giebt sich keine Mühe, 
erst zu untersuchen, wie eine Sache schmeckt, sondern beginnt gleich herzhaftzu fressen und scheint auch zu 
zeigen, daß ihm so ziemlich alles Genießbare gleich sei. Deshalb ist jedoch noch nicht abzuleugnen, daß auch 
sein Geschmackssinn rege ist, nur freilich in einem weit untergeordneteren Grade, als die vorher ge¬ 
nannten Sinne. Hinsichtlich des Gesichtes will ich hier nur an die bereits in der Einleitung ange-
        

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