Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/758/
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Die RauLthiere. Maulwürfe. — Gewöhnlicher Maulwurf. 
Eindringen von Sand und Erde in dieselben vollkommen geschützt. Die aufgescharrte Erde läßt er 
so lange hinter sich liegen, in seinem eben gemachten Gange, bis die Menge ihm unbequem wird. 
Dann versucht er an die Oberfläche der Erde zu kommen und wirft die Erde nach und nach mit der 
Schnauze heraus. Dabei ist er fast immer mit einer fünf bis sechs Zoll hohen Schicht lockerer Erde 
überdeckt. In leichtem Boden gräbt er mit einer wirklich verwunderungswürdigen Schnelligkeit. 
Oken hat einen Maulwurf ein Vierteljahr lang in einer Kiste mit Sand gehabt und beobachtet, daß 
sich das Thier fast ebenso schnell, wie ein Fisch durch Wasser gleitet, durch den Sand wühlt, — die 
Schnauze voran, dann die Tatzen, den Sand zur Seite werfend, die Hinterfüße nachschiebend. Noch 
schneller bewegt sich der Maulwurf in den Laufgängen, wie man durch sehr hübsche Beobachtungen 
nachgewiesen hat. 
Ueberhaupt sind die Bewegungen des Thieres schneller, als man glauben möchte. Nicht blos 
in den Gängen, sondern auch auf der Oberfläche des Bodens, wo er gar nicht zu Hause ist, läuft er 
verhältnißmäßig sehr rasch, so daß ihn ein Mann kaum einholen kann. In den Gängen aber 
soll er so rasch gehen, wie ein trabendes Pferd. Auch im Wasser ist er, wie bemerkt, sehr zu 
Hause, und man kennt Beispiele, daß er nicht blos breite Flüsse, sondern sogar Meeresarme durch¬ 
schwommen hat. So erzählt Bruce, daß mehrere Maulwürfe an einem Iuniabend bei Edinburg 
über fünfhundert Fuß weit durch das Meer nach einer Insel geschw-mmen sind, um sich daselbst 
anzusiedeln. Nicht selten kommt es vor, daß der Wühler über breite Flüsse setzt, und Augenzeugen 
haben ihn dabei in sehr lebhafter Bewegung gesehen. Auch in großen Teichen bemerkt man ihn 
zuweilen; er schwimmt hier, den Rüssel sorgfältig in die Höhe gehalten, scheinbar ohne alle Noth 
und zwar mit der Schnelligkeit einer Wasserratte. Da er nun noch außerdem sich unter dem 
Bett selbst großer Flüsse durchwühlt und daun am andern Ufer lustig weitergräbt, giebt es für seine 
Verbreitung eigentlich gar kein Hinderniß, und mit der Zeit findet er jedes gut gelegene Oertchen 
sicher auf. So hat man, wie Tschudi sagt, öfters gefragt, wie der Maulwurf auf die Hochebene 
des Uesernthales komme, „welche doch stundenweit von Felsen und Flühen, von einem Schneegebirgs- 
kranze und den Schrecken des Schöllemenschlundes umgeben ist." „Unsers Erachtens," bemerkt der 
genannte Forscher, „darf man sich nicht denken, es habe irgend einmal ein keckes von dem Instinkt 
geleitetes Maulwurfspaar die stundenweite Wanderung aus den Matten des untern Reußthales 
unternommen und sich dann, in der Höhe bleibend, angesiedelt. Die Einwanderung bedurfte vielleicht 
Jahrhunderte, bis das neue Kanaan gefunden war. Sie gingen unregelmäßig, langsam, ruckweise 
von unten über die Grasplätzchen und erdreichen Stellen der Felsenmauern nach oben mit vielen 
Unterbrechungen, Rückzügen, Seitenmärschen, im Winter oft auf den nackten Steinen unter der 
Schneedecke fort; und so gelangte das erste Paar wahrscheinlich von den Seitenbergen her in das 
Thal, in dessen duftigen Gründen es sich rasch genug vermehren konnte." 
Die Hauptnahrung des Maulwurfs besteht in Regenwürmern und Kerbthierlarven, welche unter 
der Erde leben. Namentlich der Regenwürmer halber legt er seine großen und ausgedehnten Baue 
an. Und diese Thiere wissen auch wirklich, daß sie an dem Maulwurfe einen Feind haben, wie man 
sich sehr leicht überzeugen kann, wenn man einen Pfahl in lockeres Erdreich stößt und dann mit ihm 
rüttelt. Da kommen von allen Seiten Regenwürmer aus der Erde hervor und versuchen, sich auf der 
Oberfläche zu retten, ganz offenbar, weil sie glauben, daß die Erschütterung von einem wühlenden 
Maulwurf herrührte. Außer diesen Würmern und Larven frißt er aber noch Käfer, namentlich Mai- 
und Mistkäfer, Maulwurfsgrillen und alle übrigen Kerbthiere, welche er erwischen kann, wie auch 
Schnecken und Asseln, die ihm besonders zu behagen scheinen. Sein ungewöhnlich feiner Geruch hilft ihm 
die Thiere aufspüren, und er folgt ihnen in größeren oder kleineren Tiefen, je nachdem sie selbst höher 
oder niedriger gehen. Aber er betreibt nicht blos in seinem Bau die Jagd, sondern holt sich auch ab 
und zu von der Oberfläche, ja wie man sagt, sogar aus dem Wasser eine Mahlzeit. Die arme Spitz¬ 
maus oder Wühlmaus, der Frosch, die Eidechse oder Blindschleiche und Natter (imWinter 
sogar die Kreuzotter), welche sich in seinen Bau verirren, sind verloren. Selbst ein anderer Maul-
        

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