Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/734/
662 
Die Raubthiere. Spitzmäuse. — Spitzhörncheu. 
brs fünf Lück- und drei bis vier echten, vier- oder fünfzackigen Backenzähnen in jeder Reihe. Die 
eigentlichen Eckzahne fehlen. Eigenthümliche Drüsen liegen an den Rumpfseiten oder an der Schwanz- 
wurzel. Zwölf bis vierzehn Wirbel tragen die Rippen, sechs bis acht sind rippenlos, drei bis fünf 
bilden das Kreuzbein, vierzehn bis achtundzwanzig den Schwanz. 
Gegenwärtig verbreiten sich die Spitzmäuse über die alte Welt und einige aber wenige auch über 
Amerika; m Australien fehlen sie gänzlich. Sie leben ebensowohl in Ebenen, wie in höher gelegenen 
Gegenden, selbst auf den Voralpen und Alpen, am liebsten aber in dichteren Wäldern, im Gebüsch, 
Unb 9tUen' in ®ärten und Häusern. Einige wohnen in Steppen, in offnen, steinigen, 
ra selbst felsigen Gegenden; andere geben den feuchtesten Orten den Vorzug; diese treiben sich im 
Wasser, jene auf den Bäumen herum. Die meisten sind an die Erde gebunden und führen hier ein 
unterirdisches Leben, wobei sie sich selbst Löcher oder Gänge graben oder die schon vorhandenen be¬ 
nutzen, nachdem sie den rechtmäßigen Eigenthümer mit Güte oder Gewalt vertrieben. Die meisten 
suchen die Dunkelheit und den Schatten und scheuen die Hitze, das Licht oder den Regen. Gegen 
derartige Einflüsse sind sie so empfindlich, daß sie den Sonnenstrahlen häufig unterliegen; andere 
dagegen lieben die Wärme und lassen sich gern von der Sonne bescheinen. Ihre Bewegungen sind 
außerordentlich rasch und behend, sie mögen so verschiedenartig sein, als sie wollen. Diejenigen, welche 
blos laufen, huschen pfeilschnell dahin; die Kletterer wetteifern miP allen übrigen Thieren; die 
Schwimmer stehen keinem Binnenlandsäugethiere nach, und die wenigen endlich, welche nach Känguru- 
Art oft auf den Hinterbeinen satzweise springend sich bewegen, sind trotz ihrer geringen Größe so 
behend, daß sie ein laufender Mensch kaum einholen kann. 
Unter den Sinnen der Spitzmäuse scheint der Geruch überall obenanzustehen; nächstdem ist das 
Gehör besonders ausgebildet. Dagegen ist das Auge mehr oder weniger verkümmert, und nur die 
Baumbewohner, welche vollkommene Augen haben, machen hiervon eine Ausnahme. Ihre geistigen 
Fähigkeiten sind gering; dennoch läßt sich ein gewisser Grad von Verstand nicht ableugnen. Sie sind 
raub- und mordlustig im hohen Grade und kleineren Thieren wirklich furchtbar, während sie größeren 
bedächtig ausweichen, dabei eine vorsichtige Scheuheit zeigend. Schon bei dem geringsten Geräusch 
ziehen sich die meisten nach ihren Schlupfwinkeln zurück, haben aber auch Ursache, Dies zu thun, weil 
sie gegen starke Thiere so gut als wehrlos sind. Wir müssen sie von unserm Standpunkt aus nicht 
nur als harmlose, vollkommen unschädliche Thiere betrachten, sondern in ihnen höchst nützliche Ge¬ 
schöpfe erkennen, welche uns durch Vertilgung schädlicher Kerfe große Dienste leisten. Ihre Nahrung 
ziehen sie nämlich fast nur aus dem Thierreiche: Kerbthiere und deren Larven, Würmer, Weich- 
thiere, kleine Vögel und Säugetiere, unter Umständen aber auch Fische und deren Eier Krebse -c 
fallen ihnen zur 8mte._ Di- größere Anzahl von ihnen ist ungemein gefräßig, Einzelne verzehren 
täglich soviel, als ihr eignes Gewicht beträgt. Andere werden selbst den Jungen ihrer Art gefährlich 
und fressen sie auf, wo sie nur können, d, h, wenn die Mutter sie nicht vertheidigt. Keine einzige Art 
kann den Hunger lange Zeit vertragen, nicht einmal im Winter, Sie halten deshalb auch keinen 
eigentlichen Winterschlaf, sondern treiben sich bei einigermaßen milder Witterung sogar auf dem ver- 
schnerten Boden umher oder suchen an geschützten Orten, z, B, in menschlichen Wohnungen, ihre 
Nahrung auf. Von den ans Bäumen Lebenden behauptet man, daß sie auch Niiffe und ander-Früchte 
zu sich nehmen; doch bedarf diese Angabe noch sehr einer Bestätigung, und ihr Gebiß scheint auch 
wirklich nicht geeignet, eine derartig- Kost zu zermalmen. Die Stimm- aller Arten besteht in seinen, 
zwitschernden oder quiekenden und pfeifenden Lauten oder (bei den Baumbewohnern) in einer Art von 
kurzem Gebell, In der Angst lassen sie klägliche Töne vernehmen und bei Gefahr verbreiten alle 
emen stärkern oder schwächer» Moschus- oder Zib-tgeruch, welcher sie im Leben zwar nicht gegen ihre 
Femde bewahrt, sie aber doch nur sehr wenigen Thieren als genießbar erscheinen läßt. So lassen die 
Hunde, Katzen und Marder gewöhnlich die getödteten Spitzmäuse liegen, ohne sie aufzufressen, 
während die meisten Vögel, bei denen der Geruch- und Geschmacksinn weniger entwickelt ist, sie als 
Nahrung nicht verschmähen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.