Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/699/
Schilderung seines Gefangenlebens. 
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schaft die Gewohnheit bei, Alles, was er frißt, vorher ins Wasser einzutauchen und zwischen den 
Vorderpfoten zu reiben, obgleich ihm dabei manche Leckerbissen geradezu verloren gehen, wie z. B. der 
Zucker. Das Brod läßt er gern lange weichen, ehe er es dann zu sich nimmt. Ueber das Fleisch fällt 
er gieriger, als über alle andere Nahrung, her. Alle festen Nahrungsstoffe bringt er mit Leiden 
Vorderpfoten zum Munde, wie denn überhaupt eine aufrechte Stellung auf den Hinterbeinen ihm 
nicht die geringsten Schwierigkeiteü macht. Mit anderen Säugethieren lebt er in Frieden und ver¬ 
sucht niemals, ihnen etwas zu Leide zu thun, solange jene ihn auch unbehelligt lassen. Falls ihm 
aber eine schlechte Behandlung wird, sucht er sich die Urheber derselben sobald als möglich vom Halse 
zu schaffen, und es kommt ihm dabei auf einen kleinen Zweikampf durchaus nicht an. Bei guter Pflege 
hält er auch in Europa die Gefangenschaft ziemlich lange aus. 
„Ich habe," sagt Weinland, „einen solchen Zwergbären einst jung aufgezogen und ihn fast 
ein Jahr lang im freien Zimmer wie einen Hund umherlaufen lassen. Hier hatte ich täglich Gelegen¬ 
heit, seinen Gleichmuth zu bewundern. Er ist nicht träg, vielmehr sehr lebendig, sobald er seiner 
Sache sicher ist. Aber wie kein anderes Thier und wie wenige Menschen schickt er sich ins Unvermeidliche. 
An einem Käfig, in dem ich einen Papagei hatte, kletterte er Dutzendmale auf und nieder, ohne auch 
nur den Vogel anzusehen; kaum aber war dieser aus seinem Käfig und ich aus dem Zimmer, so machte 
mein Waschbär auch schon Jagd auf den Papagei. Dieser wußte sich freilich seines Verfolgers 
gewandt zu erwehren, indem er, den Rücken durch die Wand gedeckt, dem langsam und von der Wand 
heransckleichenden Bären immer seinen offenen Hakenschnabel entgegenstreckte." 
„Neugierig bis zum Aeußersten, zog er sich doch, so oft die Thür sich öffnete, unter meinen Lehn¬ 
stuhl; gewiß aber nie anders, als rückwärts, d. h. den Kopf gegen die Thür gekehrt. Auch vor dem 
größten Hund ging er nie im schnellen Lauf, sondern stets in dieser spartanischen Weise zurück, dem 
Feinde Kopf und Brust entgegenhaltend. Kam ihm ein mächtiger Gegner zu nahe, so suchte er durch 
Haarsträuben und Brummen, auch wohl durch einen schnell hervorgestoßenen Schrei für Augenblicke 
Achtung einzuflößen und so den Rückzug zu decken, und Das glückte ihm auch immer. War er aber in 
einem Winkel angekommen, so vertheidigte er sich wüthend. Vögel und Eier waren ihm Leckerbissen, 
Mäuse zeigten sich nie, solange ich ihn besaß, und er dürfte sich so gut, als die Katze, zum Hausthier 
eignen und dieselben Dienste thun, würde aber freilich ein mindestens ebenso unabhängiges Leben zu 
wahren wissen, wie jene. Anhänglich wurde mein Waschbär nie. Doch kannte er seinen Namen, folgte 
aber dem Rufe nur, wenn er Etwas zu bekommen hoffte. Selten zeigte er sich zum Spielen aufgelegt. 
Er versuchte Dies einmal mit einer Katze, die ihn dafür ins Gesicht kratzte. Dies erbitterte ihn nicht nur 
nicht im geringsten, sondern, nachdem er bedächtig das Gesicht abgewischt, nahte er sich der Katze sofort 
wieder, betastete sie aber diesmal nur mit der Tatze und mit vorsichtig weit abgewendetem Kopf." 
„Daß er sich, wie das Opossum, todt stellt, habe ich selbst nie beobachtet, obwohl man es auch 
von ihm behauptet hat. Allerdings läßt er, sobald man ihn beim Pelz am Genick packt, alle Glieder 
schlaff fallen und hängt herunter, wie todt; nur die kleinen, klugen Augen lugen aller Orten nach 
einem Gegenstand umher, der mit den Zähnen oder Füßen erreicht werden könnte. Hat der Schupp 
glücklich einen solchen erfaßt, so hält er ihn mit außerordentlicher Zähigkeit fest. Bei Nacht machte 
er anfangs viel Lärm, während er bei Tag schlief; aber als er den Tag über immer im hellen Zimmer 
sich aufhalten und erst nachts in seinen Behälter kriechen mußte, lernte er bald nach ehrlicher Bürger¬ 
sitte am Tage wachen und bei Nacht schlafen." 
„Mit anderen seiner Art lebt er in vollster Einigkeit. Bekanntlich ist eine Nuß im Stande, den 
Frieden eines Affenpaares in einem Augenblick in Hader und Gewaltthätigkeit umzuwandeln; bei dem 
Waschbär ist Dem nicht also. Ruhig verzehrt derjenige, dem eben das Glück wohl will, vorn am Käfig 
zu sitzen, den dargebotenen Leckerbissen, ohne daß ihn die kurz davon sitzende Ehehälfte im geringsten 
behelligt, freilich, wie es scheint, auch nicht erfreut wurde. Sie ist einfach gleichgiltig." 
Letztere Beobachtung bezieht sich übrigens, wie ich ergänzend bemerken muß, doch nur auf 
Waschbären, welche von Jugend auf zusammengewöhnt oder verschiedenen Geschlechtes sind. Zwei 
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