Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/65/
Lebensweise. Du Chaillu's Schilderung. 
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„Am 4. Mai lieferten einige Neger, welche in meinem Auftrage jagten, einen jungen, lebenden 
Gorilla ein. Ich kann unmöglich die Aufregung beschreiben, welche mich erfaßte, als man das kleine 
Scheusal in das Dorf brachte. Alle die Beschwerden und Entbehrungen, welche ich in Afrika aus¬ 
gehalten hatte, waren in einem Augenblick vergessen." 
„Der Affe war ein kleiner, etwa 2 bis 3 Jahr alter Gesell, 2y2 Fuß hoch, aber so wüthend 
und halsstarrig, als nur einer seiner erwachsenen Genossen hätte sein können. Meine Jäger, die ich 
am liebsten an das Herz gedrückt hätte, fingen ihn in dem Lande zwischen dem Rembo und dem Vor¬ 
gebirge St. Katharina. Nach ihrem Bericht gingen sie zu Fünft nahe einer Ortschaft an der Küste 
lautlos durch den Wald und hörten da ein Geknurre, welches sie-sofort als den Ruf eines jungen 
Gorilla nach seiner Mutter erkannten. Der Wald war still; es war ungefähr Mittag. Sie beschlossen 
sofort, dem Schrei zu folgen. Mit den Gewehren in der Hand schlichen die Braven vorwärts nach 
einem düstern Dickicht des Waldes, wo sich das Thier aufhalten mußte. Sie wußten, daß die Mutter 
in der Nähe sein würde, und erwarteten, daß auch das gefürchtete Männchen nicht weit sein möchte; 
allein, wohl wissend, welche Freude sie mir bereiten würden, beschlossen sie, Alles auf das Spiel zu 
setzen, um wo möglich das Junge lebend zu erhalten. Beim Näherkommen hatten sie einen selbst den 
Negern seltenen Anblick. Das Junge saß einige Schritte entfernt von seiner Mutter auf dem Grunde 
und beschäftigte sich, Beeren zu pflücken. Die Alte schmauste von denselben Früchten. Meine Jäger 
machten sich augenblicklich zum Feuern fertig, — und nicht zu spät! — denn das alte Weibchen 
erblickte sie, als sie ihre Gewehre erhoben. Glücklicher Weise tödteten sie die besorgte Alte mit deni 
ersten Schusse. Das Junge, erschreckt durch den Knall der Gewehre, rannte zu seiner Mutter, hing 
sich an sie, umarmte ihren Leib und versteckte sein Gesicht. Die Jäger eilten augenblicklich zu Beiden 
hin; das hierdurch aufmerksam gemachte Junge verließ aber sofort seine Mutter, lief zu einem 
schmalen Baum und kletterte an ihm mit großer Behendigkeit empor, dann setzte es sich und brüllte 
wüthend auf seine Verfolger herunter. Doch die Leute ließen sich nicht verblüffen. Nicht ein Einziger 
fürchtete sich, von dem kleinen, wüthenden Vieh gebissen zu werden. Man wollte das seltene Wild 
nicht schießen und hieb deshalb den Baum um. Als es fiel, deckte man schnell ein Kleid über seinen 
Kopf und konnte es so geblendet leichter fesseln. Doch der kleine Kerl, seinem Alter nach nur ein 
unerwachsenes Kind, war bereits erstaunenswürdig kräftig und nichts weniger als gutartig, so daß 
die Leute nicht im Stande waren, ihn zu führen. Augenblicklich stürzte er sich auf sie, und sie waren 
endlich genöthigt, seinen Hals in eine Holzgabel zu stecken, welche vorn verschlossen wurde und nun 
ihnen als Zwangsmittel dienen mußte. So kam der Gorilla in das Dorf. Eine ungeheure Auf¬ 
regung bemächtigte sich hier der. Gemüther. Als der Gefangene aus dem Boot gehoben wurde, in 
welchem er einen Theil seines Weges zurückgelegt hatte, brüllte und bellte er und schaute aus seinen 
bösen Augen wild um sich, gleichsam versichernd, daß er sich gewiß rächen werde, sobald er könne. 
Ich sah, daß die Gabel seinen Nacken verwundet hatte, und ließ deshalb augenblicklich einen Käfig 
für ihn machen. Nach zwei Stunden hatten wir ein festes Bambushaus für ihn gebaut mit sicheren 
Stäben, durch welche wir ihn nun beobachten konnten. Es war ein junges Männchen, jedenfalls 
nicht älter als drei Jahre, doch erwachsen genug, um seinen Weg allein zu gehen, und für sein Alter 
mit einer merkwürdigen Kraft ausgerüstet. Gesicht und Hände waren schwarz, die Augen aber noch 
nicht so tief eingesunken, als bei den alten. Das Haar der Brauen und des Armes, welches röthlich- 
braun aussah, begann sich eben zu erheben; die Oberlippe war mit kurzen Haaren bedeckt, die untere 
mit einem kleinen Barte, die Augenlider waren fein und dünn, die Augenbrauen etwa drei Viertel Zoll 
lang; ein eisgraues Haar, welches in der Nähe der Arme dunkelte und am Steiß vollständig weiß 
erschien, bedeckte seinen Nacken; Brust und Bauch waren dünner behaart, die Arme länger." 
„Nachdem ich den kleinen Burschen glücklich in seinen Käfig gelockt hatte, nahte ich mich, um 
ihm einige ermunternde Worte zu sagen. Er stand in der fernsten Ecke; so wie ich mich aber 
näherte, bellte er auf und machte einen wüthenden Satz nach mir. Obgleich ich mich so schnell zurück¬ 
zog, als ich konnte, erwischte er doch noch meine Beinkleider, zerriß sie und zog sich augenblicklich
        

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