Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/638/
56.8 Die Raubthiere. Fischottern. — Gemeiner Fischotter. 
,,ElU Fischotter," sagt Winkelt, „welcher unter der Pflege eines in Diensten meiner Familie 
stehenden Gärtners aufwuchs, befand sich, noch ehe er halbwüchsig wurde, nirgends so wohl, als in 
menschlicher Gesellschaft. Waren wir im Garten, so kam er zu uns, kletterte auf den Schos, verbarg 
sich vorzüglich gern an der Brust und guckte mit dem Köpfchen aus dem zugeknöpften Oberrock. Als 
er mehr heranwuchs, reichte ein einziges Mal Pfeifen nach Art des Otters, verbunden mit dem Rufe 
des chm beigelegten Namens hin, um ihn sogar aus dem See, in welchem er sich gern mit Schwimmen 
vergnügte, heraus und zu uns zu locken. Bei sehr geringer Anweisung hatte er apportiren, auf¬ 
warten und nächstdem die Kunst, sich fünf bis sechs Mal über den Kopf zu kollern, gelernt und übte 
Dies sehr willig und zu unserer Freude aus." 
„Beging er, was zuweilen geschah, eine Ungezogenheit, so war es für ihn die härteste Be¬ 
strafung,-wenn er mit Wasser stark besprengt oder begossen ward, wenigstens fruchtete Dies mehr, 
als Schläge." 
„Sein liebster Spielkamerad war ein ziemlich starker Dachshund, und sobald sich dieser im 
Garten nur blicken ließ, war auch gewiß gleich der Otter da, setzte sich ihm auf den Rücken und ritt 
gleichsam auf ihm spazieren. Zu anderen Zeiten zerrten sie sich spielend herum; bald lag der Dachs¬ 
hund oben, bald der Otter. War dieser recht bei Laune, so kicherte er dabei in Einem weg. Ging 
man mit dem Hunde in ziemlicher Entfernung vorüber und schien erdicht willens, seinen Freund 
zu besuchen, so lud dieser durch wiederholtes Pfeifen ihn ein. Jener folgte, wenn es sein Herr 
erlaubte, augenblicklich dem Rufe." 
Die Abrichtung eines gezähmten Otters zum Fischfang ist ziemlich einfach. Das Thier bekommt 
in der Jugend niemals Fischfleisch zu essen und wird blos mit Milch und Brod erhalten. Nachdem 
er nun ziemlich erwachsen ist, wirft man ihm einen roh aus Leder nachgebildeten Fisch vor und sucht 
ihn dahin zu bringen, mit diesem Gegenstände zu spielen. -Später wird der Lehrfisch in das Wasser 
geworfen und schließlich mit einem wirklichen, todten Fisch vertauscht. Nimmt der Otter einmal diesen 
aus, so wirst man denselben in das Wasser und läßt ihn von dort aus herausholen. Schließlich 
brmgt man lebende Fische än einen großen Kübel und schickt den Otter dahinein. Von nun an hat 
man keine Schwierigkeiten mehr, den Ottter auch in größere Teiche, Seen oder Flüsse zu senden, und 
man kann ihn, wenn man die Geduld nicht verliert, soweit bringen, daß er in Gesellschaft eines 
Hundes sogar auf andere Jagd mitgeht und, sowie dieser, die über dem Wasser geschossenen Enten her¬ 
beiholt. Ja, man kennt Beispiele, daß er, wie der Hund, zur Bewachung der Hausgegenstände ver¬ 
wendet werden konnte. Namentlich die Engländer haben es in der Zähmung des Fischotters weit 
gebracht, wie sie überhaupt die Kunst am besten verstehen, mit Thieren umzugehen. 
„Ein wohlbekannter Jäger," erzählt Wood, „besaß einen Otter, welcher vorzüglich abgerichtet 
war. Wenn er mit seinem Namen „Neptun" gerufen wurde, antwortete er augenblicklich und kam 
auf den Ruf herbei. Schon in der Jugend zeigte er sich außerordentlich verständig, und mit den 
Jahren nahm er in auffallender Weise an Gelehrigkeit und Zahmheit zu. Er lief frei herum und 
konnte fischen nach Belieben. Zuweilen versorgte er die Küche ganz allein mit dem Ergebnisse seiner 
Jagden, und häufig nahmen diese den größten Theil der Nacht in Anspruch. Am Morgen fand 
sich Neptun stets an seinem Posten, und jeder Fremde mußte sich dann verwundern, dieses Geschöpf 
unter den verschiedenen Vorstehe- und Windhunden zu erblicken, mit denen es in größter Freund¬ 
schaft lebte. Seine Iagdfertigkeit war so groß, daß sein Ruhm sich von Tag zu Tag vermehrte 
und mehr als einmal die Nachbarn des Besitzers zu dem Wunsche veranlaßte: man möge ihnen das 
Thier auf einen oder zwei Tage leihen, damit es ihnen eine Anzahl von guten Fischen verschaffe." 
Richardson berichtet von einem andern Otter, welchen er gezähmt hatte. Er war ganz an ihn 
gewöhnt und folgte ihm bei seinen Spaziergängen wie ein Hund, in der anmuthigsten Weise neben 
ihm herspielend. Bei Ankunft an einem Gewässer sprang der Otter augenblicklich in die Wellen und 
schwamm nach seinem Belieben da herum. Trotz aller Anhänglichkeit und Freundschaft, welche er 
seinem Herrn bewies, konnte er doch niemals dahin gebracht werden, diesem seine gemachte Beute
        

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