Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/623/
Grills Beobachtungen. 
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ausgetrunken. Dieses saß ganz still am andern Ende des V/2 Ellen langen Bauers. Es sah aus, 
als wäre die Ratte dort schon lange zu Hause und das Hermelin eben erst hineingekommen. Nach 
vollendeter Mahlzeit wollte indessen die erstere sich auch soweit wie möglich von dem Hermelin entfernt 
halten; aber als ich sie zwang, näher zu kommen, war sie immer die Angreifende, und wären Größe 
und Bosheit allein entscheidend gewesen, hätte ich gewiß mit den übrigen Zuschauern geglaubt, daß 
der Ausgang sehr ungewiß sei. Das Hermelin schien sogar einige Male zu unterliegen, aber daß es 
doch überlegen war, sah man an den schnelleren und sicheren Hieben, womit es sich vertheidigte. Wie 
eine Schlange zog es sich nach den Anfällen augenblicklich zurück, die so schnell geschahen, daß man 
nicht Zeit hatte, den geöffneten Rachen zu sehen. Es war ein Kampf auf Tod und Leben. Die Ratte 
knirschte und piepte beständig, das Hermelin bellte nur bei der Vertheidigung. Beide sprangen um 
einander und gegen das Dach des mehr als eine Elle hohen Bauers hinauf. AIs ich sie lange gegen 
einander aufgereizt hatte und die Ratte weniger kampflustig wurde, begann auch das Hermelin mit 
seinen Angriffen. Alle Anfälle geschahen offen, von vorn und nach dem Kopf gerichtet. Keines schlich 
sich hinter das Andere. Bei dem letzten Zusammentreffen kam das Hermelin auf den Rücken der Ratte, 
preßte die Vorderfüße dicht hinter den Schultern der Ratte fest um ihren Leib zusammen, und da diese sich 
folglich nicht mehr vertheidigen konnte, lagen sie beide längere Zeit auf der Seite, wobei der Sieger sich 
in den Oberhals der Ratte hineinfraß, bis diese endlich starb. Dann zerquetschte es ihr den Rückgrat 
der Länge nach und ließ beim Verzehren fast die ganze Haut, den Kopf, die Füße und den Schwanz 
zurück. Ganz auf gleiche Weise verfuhr das Hermelin mit einer andern, eben so großen, lebendigen 
Ratte. Ich habe nie gesehen, daß es den Säugethieren oder Vögeln, die es gelobtet, das Blut aus¬ 
gesogen hätte, wie man zuweilen angiebt, aber wohl, daß es sie gleich auffraß." 
Sehr genau sind Grills Angaben über den Farbenwechsel. Er sagt: „Am 4. März konnte 
man zuerst einige dunkle Haare zwischen den Augen bemerken. Am 10. hatte es auf derselben Stelle 
einen braunen, hier und da mit Weiß durchbrochenen Flecken, von der Breite der halben Stirne. 
Ueber den Augen und um die Nase zeigten sich nun mehrere kleine dunkle Flecke. Wenn es sich krumm 
bückte, sah man, daß der Grund längs der Mitte des Rückens, unter den Schultern und auf dem 
Scheitel dunkel war. Am 11. war es den ganzen Rückgrat und über die Schultern entlang dunkel. 
Am 15. zog sich das Dunkle schon über die Hinter- und Vorderbeine, sowie ein Stück über die 
Schwanzwurzel. Am 18. umfaßte das Graubraun den Durchgang zwischen den Ohren, den 
Hinterhals, ungefähr zwei Zoll breit, ebenso den Rücken, ein Viertel des Schwanzes und zog sich über 
Schultern und Hüften bis zu den Füßen. Ueberall war die dunkle und die weiße Farbe scharf 
begrenzt und die erstere durchaus^unvermischt mit Weiß, ausgenommen im Gesichte, welches ganz bunt 
war. Das Braune war dort am dunkelsten und wurde nach hinten zu allmählich heller, so daß es 
über den Lenden und um die Schwanzwurzel gelbbbaun oder schmuziggelblich war. Der Schwanz 
hatte nun drei Farben, nämlich ein Viertel braungelb, ein Viertel weiß mit schwefelgelbem Anstrich und 
die Hälfte schwarz. Auch unter dem Bauche war die schwefelgelbe Farbe jetzt stärker, als vorher. 
Der Farbenwechsel ging sehr schnell vor sich, besonders im Anfang, so daß man ihn täglich, ja sogar 
halbtäglich bemerken konnte. Am 3. April war nur noch weiß: die untere Seite des Halses und 
der Kehle, der ganze Bauch, die Ohren und von da zu den Augen, welche mit einem kleinen Ring 
umgeben waren, ein halber Zoll vor der schwarzen Hälfte des Schwanzes und die ganze Unterseite 
seiner vordern Hälfte, die ganzen Füße, sowie die innere Seite der Vorder- und Hinterbeine und die 
Hinterseite der Schenkel. — Am 19. waren auch die Ohren, bis auf einen kleinen Theil des untern 
Randes, braun. — Es ist an keiner Stelle stachelhaarig gewesen, außer an der Stirn, wo mehrere 
weiße Haare neben einander sitzen und kleine Flecken bilden. Erst wuchsen die dunklen Haare auf 
einmal hervor, und ehe sie mit den weißen gleich hoch waren, waren diese schon ausgefallen. Man 
kann annehmen, daß der eigentliche Wechsel in der ersten Hälfte des März vor sich ging; nach dem 
19. März hat das braune Kleid sich nur mehr ausgebreitet und allmählich das weiße 
verdrängt."
        

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