Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/622/
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Die Raubthiere. Marder. — Hermelin. 
Wenn man z. B. den Finger eines Handschuhs durchs Gitter steckt, beißt es hinein und reißt heftig 
daran. Wenn es sehr böse ist — und dazu ist nicht mehr erforderlich, als daß es von seinem Lager 
aufgejagt wird — sträubt es jedes Haar seines langen Schwanzes. 
Im allgemeinen ist es sehr boshaft. Musik ist ihm zuwider. Wenn man vor dem Bauer die 
Guitarre spielt, springt es wie unsinnig gegen das Gitter und bellt und zischt solange, als man 
damit fortfährt. Es versucht niemals, die Klauen zum Zerreißen seiner Beute zu gebrauchen, sondern 
fällt immer mit den Zähnen an. — Während der beiden ersten Tage verbreitete sich der üble Geruch 
oft, aber nachher äußerst selten, weshalb ich ohne Unannehmlichkeit den Bauer immer in meinem 
Arbeitszimmer haben konnte. 
Wenn es zur Ruhe geht, dreht es sich wohl mehrere Male rund um, und wenn es schläft, liegt 
es kreisförmig, die Nase dicht bei der Schwanzwurzel aufwärts gerichtet, wobei der Schwanz rund 
um den Körper herumliegt, so daß die ganze Länge beinahe zwei Kreise bildet. Gegen Kälte ist es sehr 
empfindlich. Wenn es nur etwas kalt im Zimmer ist, liegt es beständig in dem Neste, welches es sich 
von Mos und Federn und mit zwei Ausgängen selbst eingerichtet hat, und wenn man es hinausjagt, 
zittert es sichtlich. Ist es dagegen warm, sitzt es gern hoch oben auf dem Tannenbüschel, der im 
Bauer steht. Zuweilen putzt es sich den ganzen Körper bis zum Schwanzende, aber es behelligt seinen 
Reinlichkeitssinn durchaus nicht, daß nach der Mahlzeit beinahe imnter die eine oder andere Feder 
auf der Nase sitzen bleibt. Wenn ein Licht dem Käfig nahe steht, schließt es, von dem Schein belästigt, 
die Augen, und eine dichte Ratzenfalle, worin ich es im Zimmer fing, wollte es durchaus nicht gegen 
den hellen Bauer vertauschen. Im Halbdunkel glänzen seine Augen von einer grünen, klaren und 
schönen Farbe. — Die ziemlich dichten Stahldrähte an dem Bauer biß es öfters paarweise zusammen, 
und wenn es allein im Zimmer war, entschlüpfte es auch wohl dem Gebauer. — Einen Beweis seiner 
Klugheit gab es in den ersten Tagen, wo es sorgfältig seine liebsten Verstecke vermied, sobald es 
merkte, daß man es von dort in den Bauer locken wollte. Dieser mußte bald gegen einen starken Eisen¬ 
bauer ausgetauscht werden, dessen Dach und Fußboden von Holz das Thier niemals zu durchbeißen 
versuchte; dagegen biß es oft in das Eisengitter, um hinauszukommen. Es hatte einen bestimmten 
Platz für die Losung, und die Einrichtung, wozu Dieses Veranlassung gab, erleichterte sehr das Rein- 
halten des Bauers. 
In den beiden ersten Tagen aß das Hermelin Kopf und Füße von einigen Birkhühnern. Milch 
leckte es gleich anfangs mit großer Begier und diese war, nebst kleinen Vögeln, seine liebste Speise. 
Zwei Goldammer reichten kaum für einen Tag aus. Es verzehrte den Kopf zuerst und ließ Nichts, 
als die Federn übrig. Von größeren Vögeln, als von Hähern und Elstern, ließ es Kopf und 
Füße zurück. Rohe Hühnereier ließ es mehrere Tage unangerührt, obgleich es sehr hungrig war, bis 
ich Löcher hinein machte, worauf es den Inhalt schnell ausgetrunken hatte. Frisches Fleisch von Horn¬ 
vieh nimmt es nicht gern. Es ißt und trinkt mit einem schmatzenden Laut, wie wenn junge Hunde 
oder Ferkel saugen. Seine Beweglichkeit in der untern Kinnlade ist bemerkenswerth: wenn es frißt, 
gähnt u. s. w. stellt es sie beinahe senkrecht gegen die Oberkinnlade, wie Schlangen, was unter Anderem 
Veranlassung gegeben hat, eine Aehnlichkeit zwischen ihm und diesem Thiere zu finden. Beim Fressen 
hält es die Augen fast geschlossen und runzelt Nase und Lippen so auf, daß das ganze Gesicht eine 
platte Fläche bildet. Wenn es dann das geringste Geräusch'hört, wird es aufmerksam und mordet 
oder frißt nicht, so lange es sich beobachtet glaubt. Einen kleinen lebendigen Vogel fällt es gewöhnlich 
nicht gleich an, sondern erst dann, wenn Alles still ist und der Vogel aus Furcht wie unbeweglich 
dasitzt; dann untersucht es ihn und, wenn es Zeichen von Leben sieht, tobtet es denselben durch Zer¬ 
quetschen des Kopfes, aber selten schnell und auf einmal, sondern läßt ihn fast immer lange im Todes¬ 
kampfe zappeln, — eine Grausamkeit, die es auch gegen eine große Wanderratte bewies, die ich 
lebendig zu ihm hineinließ. Zuerst sprangen beide lange um einander herum, ohne sich anzufallen; 
sie schienen sich vor einander zu fürchten. Die ungewöhnlich große Ratte war sehr dreist, biß boshaft 
in ein durchs Gitter gestecktes Stäbchen und hatte in wenigen Minuten die Milch des Hermelins
        

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