Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/621/
Seine Beutejagd. Grills Beobachtung des gefangenen Hermelin. 
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sind, macht sie Ausflüge mit ihnen, unterrichtet sie auf das gründlichste in allen Künsten des Gewerbes, 
und die kleinen Thiere sind auch so gelehrig, daß sie schon nach kurzer Lehrfrist der Alten an Muth, 
Schlauheit, Behendigkeit und Mordlust nicht viel nachgeben. 
Man fängt das Hermelin in Fallen aller Art, oft auch in Rattenfallen, in die es zufällig ge- 
räth; kommt man dann hinzu, so läßt es ein durchdringendes Gezwitscher hören, reizt man es, so 
fährt es mit einem quiekenden Schrei auf Einen zu, sonst aber giebt es seine Angst blos durch leises 
Fauchen zu erkennen. Wenn man es jung einfängt, wird es sehr zahm und macht viel Freude. 
Man hat Hermeline dahin gebracht, nach Belieben aus- und einzugehen, und manche sollen sich derart 
an ihren Herrn gewöhnt haben, daß sie ihm wie ein Hund nachfolgten. 
Daß Gefangenleben des Hermelin hat neuerdings der Schwede Grill in höchst anziehender 
Weise beschrieben. Ich lasse ihn deshalb, wie billig, selbst reden. 
„Einige Tage vor Weihnachten 1843 bekam ich ein Hermelinmännchen, welches in einem Holz¬ 
haufen gefangen wurde. Es trug sein reines Winterkleid. Die schwarzen, runden Augen, die roth¬ 
braune Nase und die schwarze Schwanzspitze stachen grell gegen die schneeweiße Farbe ab, welche nur 
an der Schwanzwurzel und auf der innern Hälfte des Schwanzes einen schönen, schwefelgelben Anflug 
hatte. Es war ein hübsches, allerliebstes, äußerst bewegliches Thierchen. Ich setzte es anfangs in 
ein größeres, unbewohntes Zimmer, worin sich bald der dem Mardergeschlechte eigene üble Geruch 
verbreitete. — Seine Fertigkeit, zu klettern, zu springen und sich zu verbergen, war bewundernswerth. 
Mit Leichtigkeit kletterte es die Fenstervorhänge hinauf, und wenn es dort oben auf seinem Platze 
erschreckt wurde, stürzte es sich oft plötzlich mit einem Angstschrei auf den Fußboden herunter. Den 
zweiten Tag lief es die Ofenröhre hinauf und blieb dort, ohne etwas von sich hören zu lassen, bis es 
endlich, nach mehreren Stunden, mit Ruß bedeckt wieder zum Vorschein kam. Oft neckte es mich 
stundenlang, wenn ich es suchte, bis ich es zuletzt an einem Orte versteckt fand, wo ich es am wenigsten 
vermuthete. Es drängte sich hinter einem dicht an der Wand stehenden Schranke hinauf und ruhte 
dort ohne irgend eine Unterlage. In seinem Zimmer hing hoch an der freien Wand eine Pendeluhr. 
Einmal, als ich hineinkam, bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß die Uhr ging; und bei näherer 
Untersuchung fand ich, daß mein „Kisse" in guter Ruhe hinter der Uhrtafel auf dem Rande des 
Werkes lag. Es war vom Fußboden dort hinaufgeklettert oder gesprungen, und die dadurch ver¬ 
ursachte Erschütterung hatte wohl den Pendel in Gang gesetzt. Da das Zimmer nicht geheizt wurde, 
suchte es sich bald sein Lager in einer Bettstelle, wo es sich einen besondern Platz auswählte, den es 
jedoch gleich verließ, wenn Jemand in die Thüre trat. Das Bett blieb aber von nun an sein liebstes 
Versteck. Gewöhnlich sucht es dieses auf, wenn man rasch auf es zugeht, aber wenn man ihm freund¬ 
lich zuredet und sich sonst still hält, bleibt es oft in seinem Laufe stehen oder geht neugierig einige 
Schritte vorwärts, indem es seinen langen Hals ausstreckt und den einen Vorderfuß aufhebt. Diese 
seine Neugier ist auch allgemein bekannt, so daß das Landvolk zu sagen pflegt: „Wieselchen freut sich, 
wenn man es lobt." — Wenn es sehr aufmerksam, oder wenn ihm Etwas verdächtig ist, so daß es 
weiter sehen will, als sein niedriger Leib ihm erlaubt, setzt es sich auf die Hinterbeine und richtet den 
Körper hoch auf. Es liegt oft mit erhobenem Hals, gesenktem Kopf und aufwärts gekrümmtem 
Rücken. Wenn es läuft, trägt es den ganzen Körper so dicht dem Boden entlang, daß die Füße 
kaum zu bemerken sind. Wenn man ihm nahe kommt, bellt es, ehe es die Flucht ergreift, mit einem 
heftigen und gellen Ton, der dem des großen Buntspechtes am ähnlichsten ist; man könnte den 
Laut auch mit dem Fauchen einer Katze vergleichen, doch ist er schneidender. Noch öfter läßt es ein 
Zischen, wie das einer Schlange, hören." 
„Als das Hermelin am dritten Tage in einen großen Bauer gesetzt war, wo es sah, daß es nicht 
herauskommen konnte und sich sicher fühlte, ließ es sich Nichts nahe kommen, ohne ans Gitter zu 
springen, heftig mit den Zähnen zu hauen und den vorhin erwähnten Laut in einem langen Triller 
zu wiederholen, welcher dann dem Schackern einer Elster sehr ähnlich war. Dort ist es auch nicht 
bange vor dem Hunde, und beide bellen, jeder dicht an seiner Seite des Gitters, gegen einander. —
        

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