Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/62/
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Die Affen. Waldmenschen. — Gorilla. 
„Der Gorilla lebt in den einsamsten und dunkelsten Stellen des dichten afrikanischen Nieder¬ 
waldes, tiefe bewaldete Thäler und ebenso schroffe Höhen allen übrigen Aufenthaltsorten vorziehend. 
Gerade die Hochebenen, welche mit ungeheuren Halden bedeckt sind, scheinen seinen Lieblingswohnsitz 
zu bilden. In jenen Gegenden Afrikas findet sich überall Wasser, und ich habe beobachtet, daß der 
Gorilla just an solchen Stellen sich findet, wo es am feuchtesten ist. Er ist ein rastlos umher¬ 
schweifendes Vieh, welches von Ort zu Ort wandert und schwerlich an einer und derselben Stelle 
zwei Tage lang bleibt. Dieses^Umherschweisen ist zum Theil von der Schwierigkeit bedingt, sein 
Lieblingsfutter zu finden. Obgleich der Gorilla vermöge seiner ungeheueren Neißzähne ohne Mühe 
jedes andere Thier des Waldes, welches er gefangen, auch zu zerstückeln vermöchte, ist er doch ein 
echter Pflanzenfresser. Ich habe die Magen von allen untersucht, welche zu tobten ich so glücklich war, 
und niemals etwas Anderes gefunden, als Beeren, Ananasblätter und andere Pflanzenstoffe. Der 
Gorilla ist ein arger Fresser, und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß er an einem Ort Alles auf¬ 
frißt und dann, im beständigen Streit mit dem Hunger, zum Wandern gezwungen ist. Sein großer 
Bauch, der sich, wenn er aufrecht dasteht, deutlich genug zeigt, beweist, daß er ein tüchtiger Esser ist; 
und wahrlich, sein gewaltiger Leib und die ungeheure Muskelentwickelung könnten bei weniger Nahrung 
nicht unterhalten werden." 
„Es ist nicht wahr, daß der Gorilla viel oder immer auf den Bäumen lebt; ich habe ihn fast 
stets auf der Erde gesunden. Allerdings steigt er oft genug an den Bäumen in die Höhe, um dort 
Beeren oder Nüsse zu pflücken; wenn er aber dort gegessen hat, kehrt er wieder nach unten zurück. 
Nach allen meinen Erfahrungen über die Nahrung kann man behaupten, daß er es gar nicht noth¬ 
wendig hat, die Bäume zu erklettern. Ganz besonders behagen ihm Zuckerrohr, die weißen Rippen 
der Ananasblätter, mehrere Beeren, welche nahe der Erde wachsen, das Mark einiger Bäume und 
eine Nuß mit sehr harter Schale. Diese letztere ist so fest, daß man sie nur mit einem starken Schlag 
vermittelst eines Hammers öffnen kann. Wahrscheinlich ihrethalben besitzt der Gorilla das ungeheure 
Gebiß, welches stark genug ist, einen Gewehrlauf zusammenzubiegen." 
„Nur die jungen Gorillas schlafen auf Bäumen, um sich gegen Raubthiere zu schützen. Ich 
habe mehrere Mal die frische-Spur eines Gorillabetts gefunden und konnte es deutlich sehen, daß das 
Männchen mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt in ihm gesessen hatte; doch glaube ich, daß 
Weibchen und Junge, während die Männchen immer am Fuße der Bäume oder unter Umständen 
auf der Erde schlafen, zuweilen die Krone des Baumes ersteigen mögen, weil ich hiervon die Spuren 
gesehen habe." 
„Alle Affen, welche viel auf Bäumen leben, wie der Schimpanse, haben an ihren vier Händen 
längere Finger, viel längere als der Gorilla, dessen Handbau sich mehr dem menschlicher Gliedmaßen 
nähert. In Folge dieses verschiedenen Baues ist er weniger geeignet, Bäume zu erklettern. Zugleich 
muß ich bemerken, daß ich niemals einen Schirm oder ein Zelt gefunden habe, und deswegen zu dem 
Schluß gekommen bin, daß er kein derartiges Gebäude aufführt. 
„Der Gorilla ist nicht gesellig. Von den Alten fand ich gewöhnlich ein Männchen und ein 
Weibchen zusammen, oft genug auch ein altes Männchen allein. In solchem Falle ist es immer ein 
alter, mürrischer, böswilliger Gesell, mit welchem nicht zu spaßen ist. Junge Gorillas traf ich in 
Gesellschaft bis zu fünf Stücken an. Sie liefen immer auf allen Vieren davon, schreiend vor Furcht. 
Es ist nicht leicht, sich ihnen zu nähern; ihr Gehör ist außerordentlich scharf, und sie verlieren keine 
Zeit, um zu entkommen, während die Beschaffenheit des Bodens es dem Jäger sehr schwer macht, 
ihnen zu folgen. Das alte Thier ist auch scheu, und ich habe zuweilen den ganzen Tag gejagt, ohne 
auf mein Wild zu kommen, wobei ich bemerken mußte, daß es mir sorgfältig auswich. Wenn jedoch 
zuletzt das Glück den Jäger begünstigt und er zufällig oder durch ein gutes Iagdkunststück auf seine 
Beute kommt, geht diese ihm nicht aus dem Wege. Bei allen meinen Jagden und Zusammentreffen 
mit dem Gorilla habe ich nicht einen einzigen gefunden, welcher mir den Rücken gekehrt hätte. Ueber- 
raschte ich ein Paar Gorillas, so fand ich gewöhnlich das Männchen an den Felsen oder Baum gelehnt
        

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