Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/618/
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Die Raubthiere. Marder. — Hermelin. 
Dem kleinen Wiesel sehr nahe verwandt ist der Hermelin oder.das große Wiesel (Mustek 
Erminea), ein Thier, welches dem Heermännchen auch in seiner Lebensweise außerordentlich ähnelt. 
Das Hermelin ist bedeutend größer, als sein kleiner Vetter; seine gesammte Länge beträgt 12 bis 
14 Zoll. Im Leibesbau hat es die größte Aehnlichkeit mit jenem, nur erscheint sein Leib noch gestreckter, 
als bei ihm. Im hohen Norden soll es größer werden, als bei uns zu Lande. Das Thier verdient 
eigentlich blos im Winter den Namen Hermelin: denn nur dann trägt es sein, bis auf die schwarze 
Endhälfte des Schwanzes schneeweißes Kleid; im Sommer ähnelt es dem kleinen Wiesel vollkommen 
in der Färbung. Viele Leute wundern sich gewaltig, wenn man ihnen das große Wiesel in seiner 
Sommertracht zeigt und behauptet, daß dieses Thier dasselbe sei, dessen Winterpelz die Krönungsmäntel 
der Könige lieferte. Die.Veränderung der Färbung im Sommer und Winter ist auch wirklich eine 
sehr auffallende und hat zu vielfachem Streite Veranlassung gegeben. Die Umfärbung im Frühjahr 
geht entschieden mit dem Haarwechsel vor sich. Nicht ganz ausgemacht aber ist es, ob auch im Spät¬ 
herbst eine Härung stattfindet, oder ob der Winterpelz nicht zum Theil noch aus älteren Haaren besteht, 
die im Winter weiß geworden sind. Daß die Wintertracht unter Umständen sehr schnell angelegt 
werden kann, ist nicht zu bezweifeln. Nicht selten sieht man das Hermelin bis spät in den Winter 
hinein in seinem Sommerkleide herumlaufen. Wenn aber plötzlich Kälte eintritt, verändert es oft in 
wenigen Tagen seine Farbe. Soviel steht fest, daß die Sache noch nicht hinreichend beobachtet 
worden ist; jedenfalls aber verdient es erwähnt zu werden, daß das Winterfell hinsichtlich seiner 
Dichtigkeit und Länge sich bedeutend vor dem Sommerfell auszeichnet. 
Das Hermelin hat eine sehr ausgedehnte Verbreitung im Norden der alten Welt. Nordwärts 
von den Pyrenäen und dem Balkan findet es sich in ganz Europa, und außerdem kommt es in Nord- 
und Mittelasien bis zur Ostküste Sibiriens vor. In Kleinasien und Persien hat man es ebenfalls 
angetroffen, ja selbst im Himaläya will man es beobachtet haben. In allen Ländern, in denen es 
vorkommt, ist es auch nicht selten und in Deutschland sogar eines der häufigsten Raubthiere. Im 
Süden Europas, zumal in Italien vertritt es dieBoccamele, in Nordamerika das langschwänzige 
und Richardsonsche Wiesel, Thiere, welche dem Hermelin sehr ähneln und von vielen Natur¬ 
forschern blos für Abarten desselben erklärt werden. 
Wie dem kleinen Wiesel, ist auch dem Hermelin jede Gegend, ja fast jeder Ort zum Aufenthalte 
recht, und es versteht sich überall so behaglich, als möglich einzurichten. Erdlöcher, Maulwurf- und 
Hamsterröhren, Felsklüfte, Mauerlöcher, Ritzen, Steinhaufen, Bäume und unbewohnte Gebäude und 
hundert andere ähnliche Schlupforte bieten ihm Obdach und Verstecke während des Tages, welchen 
es größtentheils in seinem einmal gewählten Baue verschläft, obwohl es gar nicht selten auch angesichts 
der Sonne im Freien lustwandelt und sich dreist den Blicken des Menschen aussetzt. Seine eigentliche 
Jagdzeit beginnt jedoch erst mit der Dämmerung. Schon gegen Abend wird das Thier lebendig und 
rege. Wenn man um diese Zeit an passenden Orten vorübergeht, braucht man nicht lange zu suchen, 
um das klugäugige, scharfsinnige Wesen zu entdecken. Findet man in der Nähe einen geeigneten Platz, 
um sich zu verstecken, so kann man das Treiben des Thieres gut beobachten. Ungeduldig und neu¬ 
gierig, wie es ist, vielleicht auch hungrig und sehnsüchtig nach Beute, kommt es hervor, zunächst blos 
um die unmittelbarste Nähe seines Schlupfwinkels zu untersuchen. Alle Behendigkeit, Gewandtheit 
und Zierlichkeit der Bewegungen offenbaren sich jetzt. Bald windet es sich, wie ein Aal, zwischen den 
Steinen und den Schößlingen des Unterholzes hindurch, bald sitzt es einen Augenblick bewegungslos 
da, den schlanken Leib in der Mitte hoch aufgebogen, viel höher noch, als es die Katze kann, wenn sie 
den nach ihr benannten Buckel macht; bald bleibt es einen Augenblick vor einem Mauseloche, einer 
Maulwurfshöhle, einer Ritze stehen und schnuppert da hinein. Auch wenn es auf em und derselben 
Stelle verharrt, ist es nicht einen Augenblick ruhig; denn die Augen und Ohren, ja selbst die Nase, sind 
in beständiger Bewegung, und der kleine Kopf wendet sich blitzschnell nach allen Richtungen hin und 
her. Man darf wohl behaupten, daß es in allen Leibesübungen Meister ist. Es läuft und springt
        

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