Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/596/
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Die RauLthiere. Marder. — Edelmarder. 
der linken Pfote eine Ohrfeige. War er aber hungrig, so fackelte er nicht lange, biß dem Hamsterchen 
den Kopf entzwei und fraß es mit Knochen, Haut und Haaren. Als er Dreiviertel seines Wachs¬ 
thums erreicht hatte und außerordentlich gefräßig war, gab ich ihm wiederum eine Blindschleiche. 
Er war gerade hungrig, nährte sich aber doch behutsam und sprang bei jeder ihrer Bewegung wieder 
zurück. Wie er sich endlich überzeugt hatte, daß es nicht gefährlich sei, da biß er dann endlich zu; 
ihr Schwanz brach ab, er fraß ihn aus und trug dann das Thier in sein Nest, wo es ihm entschlüpfte 
und unter das Heu kroch. Er zog es wieder vor, biß sich noch ein Stück des übergebliebenen Schwanz¬ 
stummels ab; nach zwei Stunden endlich wagte er, die Blindschleiche am Halse zu packen und zu zer¬ 
reißen. Er trug sie dann ins Nest und fraß sie nach und nach mit Wohlbehagen, jedoch ohne Be¬ 
gierde. Noch war er mit der Blindschleiche nicht fertig, als ich ihm eine etwa zwei Fuß lange 
Ringelnatter in seine Kiste warf. Sobald sie da lag, näherte er sich behutsam, sprang aber, so oft 
sie sich rührte oder zischte, erschrocken zurück. Die Schlange hatte sich endlich in einen Knäuel zu¬ 
sammengeballt und den Kopf unter ihren Windungen versteckt. Wohl eine Stunde lang war er schon 
um sie herumgesprungen, ohne sie anzutasten; dann erst begann er, überzeugt, daß keine Gefahr zu 
fürchten sei, sie zu beschnopern und mit den Pfoten zu berühren, Alles aber immer noch mit der 
größten Aengstlichkeit. Es war, als hätte er wohl Lust zu fressen, aber nicht den Muth, sie zu todten. 
Daher trieb er sein Wesen, indem er sich ihr bald näherte, bald zurücksprang, über einen -^ag lang, 
und nun erst wurde er so dreist, sie am Nacken herumzutragen und am dritten Tage ^endlich, sie zu 
todten; jedoch fraß er sie nicht." 
„Während er noch mit dem Ringelnatterspiel beschäftigt war, brachte ich ihm eine frisch ge- 
tödtete, große Kreuzotter. Vorsichtig kam er sogleich heran, aber bald überzeugt, daß sie todt sei, 
nahm er sie auf, trug sie bald hier-, bald dorthin, und verschmauste sie nach einer Stunde, sammt 
Kopf und Giftzähnen, ganz. Ich gab ihm dann eine Eidechse, die er ebenfalls schnopernd begrüßte; 
das Thierchen zischte heiser, fast wie eine Schlange, sperrte den Rachen auf und sprang wohl zehnmal 
drei Zoll weit auf ihn zu. Er traute nicht und wich ihren Bissen aus; jedoch wurde er immer dreister 
und machte sich, da ihm die Eidechse Nichts zu Leide that, nach Verlauf einer Stunde daran, biß sie 
todt und fraß sie auf." 
„Wir sehen denn, daß er von Natur wenig Trieb hat, Schlangen und andere Lurche zu todten; 
es ist aber, nach, den genannten Erfahrungen keineswegs unwahrscheinlich, daß er sie im Winter, 
wenn er sie zufällig in ihrem wehrlosen Zustande trifft, tobtet und frißt; denn zu dieser Zeit mag er 
oft bittern Hunger leiden, da er ungeheuer gefräßig ist. Er ist übrigens in der Gefangenschaft leicht 
zu halten, weil er gern mit Milch und Brod vorlieb, auch Pflaumen, Birnen, Aepfel gern annimmt. 
Aus Eiern macht er sich nicht sonderlich viel, Honig nascht er gern." 
„Wir haben gesehen, daß er sich selbst vor der Eidechse, die doch ein wahrer Zwerg gegen ihn 
ist, furchtsam zeigt, dagegen ist aber sein Muth gegen andere Thiere, nach deren Fleisch er leckert, 
sehr groß. Wenn er einen recht starken Hamster oder eine recht große Ratte bekommt, so setzt es 
einen fürchterlichen Kampf. Kleinen beißt er gleich den Hals und Kopf entzwei, auf größere aber 
stürzt er sich mit Ungestüm, packt sie mit allen vier Pfoten, wirft sie zu Boden und dreht und wendet 
die Thiere mit so einer ungeheuern Schnelligkeit zwischen den Pfoten, daß das Auge den Bewegungen 
gar nicht folgen kann. Man weiß nicht recht, was man sieht, wer siegt oder unterliegt; den Hamster 
hört man unaufhörlich fauchen, aber plötzlich springt der Marder empor, hält den Hamster im Genick 
und zermalmt ihm die Knochen. Den größeren Kaninchen fällt er sogleich ins Genick und läßt nicht 
eher los, bis sie erwürgt sind. Einen gewaltigen Lärm giebt es, wenn man ihm einen recht großen, 
starken Hahn reicht. Wüthend springt er diesem an den Hals und wälzt sich mit ihm herum, während 
der Hahn aus allen Kräften mit den Flügeln schlägt und den Füßen tritt. Nach einige« Minuten 
hat das Gepolter ein Ende, und dem Hahn ist der Hals zerbissen. Ich habe ihn absichtlich keinem 
gefährlichen Kampfe preisgegeben, und daher nie eine lebende Otter zu ihm gebracht, weil er mir sehr 
theuer war. Einstmals aber gab ich ihm eine ganz frisch erlegte, noch warme, sehr große Katze.
        

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