Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/582/
514 Die Raubthiere. Marder. — Honigdachs. Indischer Honigdachs. Gemeiner Vielfraß. 
Der Ratel stellt übrigens nicht blos dem Honig nach, sondern liebt auch kräftigere Nahrung. 
Carmichael sagt, daß er von den Besitzern derHühnerhöse als eines der schädlichsten Thiere betrachtet 
werde. In der Algoabai zankten sich einmal die Bauern um das Eigenthum der Eier, welche die 
Hühner verlegt hatten. Der Ratel machte in einer Nacht diesem Streite ein Ende, iribetit er einfach 
allen Hühnern, gegen dreißig Stück, den Kragen abbiß und drei todte in seine Höhle schleppte. 
Man versichert, daß der Honigdachs mit zwei oder drei Weibchen lebe und diese niemals aus 
den Augen lasse. Zur Rollzeit soll er so wild und wüthend sein, daß er selbst Menschen anfällt 
und sie mit seinen Bissen schwer verwundet. Uebrigens wehrt er sich seiner Haut, wenn er an¬ 
gegriffen wird. Es ist nicht rathsam, ihn lebend packen zu wollen; denn er weiß von seinem Gebiß 
einen ungemein empfindlichen Gebrauch zu machen. Das locker aufliegende Fell erlaubt ihm, 
alle nur denkbaren Drehungen und Wendungen seines Körpers vorzunehmen, und Dies soll soweit 
" gehen, daß er auch dann noch seinen Kopf zurückzubeugen und sich durch kräftige Bisse zu rächen 
vermag, wenn man ihn dicht unter dem Hinterhaupte am Nacken faßt. Ehe er zum Beißen kommt, 
sucht er sich jedoch zu retten, indem er, wo es der Boden erlaubt, sich durch unglaublich rasches Ein¬ 
graben in die Erde versenkt oder aber seine Stinkdrüsen gegen den Feind entleert. 
Von der Wirksamkeit dieser Drüsen habe ich mich selbst überzeugen können. Im Mensathale sah 
mein Freund und Iagdgenosse van Arkel d'Ablaing gegen Wenk ein ihm unbekanntes dachs¬ 
ähnliches Thier, welches von dem einen Hang herabkam, dicht vor ihm das Thal überschritt und sich 
im Buschwalde der andern Thalwand weiterbewegte. Er jagte dem „Dachs" beide Schüsse seines 
Schrotgewehres auf den Pelz und bekam dafür im nächsten Augenblicke einen furchtbaren Gestank zu 
riechen; das Thier selbst war aber, ungeachtet der Schuß es gut getroffen hatte, davongegangen. Die 
einbrechende Nacht verhinderte uns, nach ihm zu suchen; dafür durchstöberten wir jedoch am nächsten 
Morgen das G,ebüsch. Hierbei brauchten wir blos der Nase nachzugehen; denn der in der Nacht ge¬ 
fallene Regen hatte den Gestank wohl etwas gedämpft, aber keineswegs vernichtet. Es roch noch 
immer so abscheulich, daß nur unser Eifer die Suche uns erträglich machen konnte. 
Man sagt, daß der Honigdachs blos im höchsten Nothfalle sich seines Gebisses bediene. Wenn 
Dies wahr ist, dann begreife ich unser Thier nicht; denn das Gebiß ist so kräftig, daß es jedem Jäger 
und jedem Hund Achtung einflößen und beide zur Vorsicht mahnen muß. 
Dagegen bin ich von der Lebenszähigkeit des Ratels vollkommen überzeugt. An den Leiden 
Schüssen, welche mein Freund auf kaum zwanzig Schritte jenem Honigdachs zukommen ließ, hätte ein 
Löwe genug haben können; der Ratel aber war davongegangen, als wäre ihm Nichts geschehen. Es 
wird erzählt, daß sich die Bauern des Kaplandes eine Art von Vergnügen daraus machen, dem Ratel 
ihre Messer in verschiedene Theile seines Leibes zu stoßen, weil sie wissen, daß sie hierdurch noch keines¬ 
wegs einen raschen Tod des Thieres herbeiführen. Bei getöbteten, welche von Hunden gebissen worden 
waren, konnte man niemals im Felle ein Loch bemerken. Starke Schläge auf die Schnauze sollen 
ihn jedoch augenblicklich tobten. 
Jung eingefangene Ratels werden zahm und ergötzen durch die Plumpheit ihrer Bewegungen. 
Weinland nennt die Ratels im Regents-Park in London „außerordentlich muntere Thiere, welche, 
wie manche besonders schlaue oder thörichte Menschen, plötzlich ein ganz anderes Gebühren annehmen, 
wenn sie sich bemerkt glauben, außerdem aber die Zuschauer durch Purzelbäume zu unterhalten und §u 
Asseln wissen;" ich beobachte an denselben Gefangenen, daß sie mit bewunderungswürdiger Regelmäßig¬ 
keit ihre höchst komischen Purzelbäume immer genau auf derselben Stelle ihres Käfigs machen, hundert¬ 
mal nach einander, falls sie die Laune anwandelt, ihren Käfig so oft zu durchmessen. Die Leiden be¬ 
kannten Arten sind zusammengesperrt. Sie vertragen sich vortrefflich und ergötzen sich gegenseitig durch 
ihren unverwüstlichen Humor. 
Im Ganzen läßt unsere Kenntniß des Honigdachses noch viel zu wünschen übrig; Dies aber wird 
einleuchtend, wenn man an unsern deutschen Dachs denken will: ihn kennen wir ja auch noch nicht.
        

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