Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/567/
Nahrung. Familienleben. Dachs und Fuchs. Nachstellung. 
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lange Würmer, Wurzeln und kleine Säugethiere in den Bau, bis sie sich selbst zu ernähren im 
Stande sind. Während des Wochenbettes wird es dem Weibchen schwer, die sonst musterhafte Rein¬ 
lichkeit, welche im Baue herrscht, zu erhalten, denn die ungezogenen Jungen sind natürlich noch nicht 
soweit herangebildet, daß sie jene hohe Tugend zu würdigen verständen. Da hat nun die Mutter 
ihre liebe Noth, aber sie weiß sich zu helfen. Neben dem Kessel legt sie noch eine besondere Kammer 
an, welche der kleinen Gesellschaft als Abtritt dienen und zugleich auch alle Nahrungsstosfe aufnehmen 
muß, welche die Jungen nur theilweise verzehrten. 
Nach ungefähr drei bis vier Wochen wagen sich die kleinen, sehr hübschen Thierchen in Gesell¬ 
schaft ihrer Mutter bereits bis zum Eingänge ihres Baues und legen sich mit ihr auch wohl vor die 
Höhle, um sich zu sonnen. Dabei spielen sie nach Kinderart gar allerliebst mit einander und er¬ 
freuen den glücklichen Beobachter umsomehr, weil diesem das anziehende Schauspiel so sehr selten 
geboten wird. Bis zum Herbst bleiben sie bei der Mutter, dann trennen sie sich und beginnen nun 
auf eigne Hand ihr Leben. Alte Dachsbaue werden von ihnen mit großer Freude bezogen; im Noth¬ 
falle muß aber auch ein eigener gegraben werden; denn blos in äußerst seltenen Fällen duldet die 
Mutter, daß sie sich in ihrem Geburtshause noch einen zweiten Kessel anlegen und dann den unter¬ 
irdischen Palast noch einen Winter durch mit ihr benutzen. Im zweiten Jahre sind die Jungen 
völlig ausgewachsen und zur weitern Fortpflanzung fähig, und wenn ihnen nicht der Schuß eines 
vorsichtig aufgestellten Jägers das Lebenslicht ausbläst, bringen sie ihr Alter auf zehn oder 
zwölf Jahre. 
Der Dachs hat in dem Erzschelme, Gauner, Strolch und Tagedieb Reinecke einen argen Feind, 
welcher sich wenig aus der Würdigkeit des Einsiedlers macht und wirklich recht niederträchtige Kniffe 
und Pfiffe anwendet, um ihm sein behagliches Leben möglichst zu verbittern und zu zerstören. Reinecke, 
viel zu geistreich und mit anderen wichtigen Unternehmungen zu sehr beschäftigt, als daß er sich selbst 
einen eigenen Herd gründen möchte, findet es überaus bequem, daß der Dachs ein so vortrefflicher 
Gräber ist und zugleich Wohnungen baut, die in jeder Weise für den Geschmack dieses Schurken passen. 
Und um Mittel, den Dachs von seiner Wohnung zu vertreiben, ist Reinecke nicht verlegen. Er zeigt, 
welch abscheulichen Charakter er besitzt; denn er greift den reinlichen Einsiedler von der Seite an, 
an welcher er ihn am leichtesten verwunden kann. Heimtückisch schleicht er sich in den Dachsbau und 
setzt dort seine stinkende Losung ab und zwar so lange, bis der Dachs, zwar mürrisch und grämlich, 
im Innern aber gewiß noch sehr froh, von dem Lump loszukommen, die eigene, behäbige Wohnung 
verläßt und sich eine andere anlegt. Darauf wartet der Schelm und zieht nun behaglich in die so 
hübsch eingerichtete und ausgepolsterte Wohnung. Doch kommt es trotz dieser Feindschaft, welche in 
der Gegensätzlichkeit der Sitten beruht, vor, daß in ein und demselben Baue Fuchs und Dachs 
neben einander hausen, wenn auch beide Inhaber nur die Hauptröhre gemeinschaftlich befahren, im 
Innern aber abgesonderte Kessel bewohnen. 
Die Dachsjagd hat wegen der großen Vorsicht des betreffenden Wildes ungewöhnliche Schwie¬ 
rigkeiten, gehört aber demungeachtet zu den Lieblingsvergnügungen der Jäger. Man fängt die Dachse 
zwar zuweilen in verschiedenen Fallen oder gräbt sie auch aus und bohrt sie dann, scheußlich genug, 
mit dem sogenannten Krätzer an, d. h. einem Werkzeuge, welches einem Korkzieher im vergrößerten 
Maßstabe ähnelt, oder aber, man treibt den Dachs durch scharfe Dachshunde aus seinem Baue und 
erschießt ihn dann beim Herauskommen. Nur wenn er sich in seinem Bau verklüftet, d. h. so versteckt, 
daß sogar die Hunde ihn nicht auffinden können, ist er im Stande, der drohenden Gefahr sich zu 
widersetzen, denn seine Plumpheit ist so groß, daß ihm eine Flucht vor dem Hunde durchaus Nichts 
helfen würde. Er sucht sich deshalb, wenn er in seinem Bau verfolgt wird, gewöhnlich dadurch zu 
retten, daß er sich ganz still, aber mit großer Schnelligkeit in die Erde gräbt und hierdurch sich wirklich 
oft genug den ihm nachgrabenden Hunden entzieht. 
Ganz früh am Morgen kann man dem heimkehrenden Dachs wohl auch auf dem Anstande auf¬ 
lauern und ihn erlegen. Dazu gehört aber immer ein sehr starker Schuß. Abends ist der Anstand auf 
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