Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/566/
498 
Die Raubthiere. Marder. — Dachs. 
ein Hummel- ober Wespennest aus und frißt mit großem Behagen die larvenreichen und honig¬ 
süßen Waben, ohne sich viel um die Stiche der erbosten Kerbthiere zu kümmern. Sein rauher Pelz, 
die dicke Schwarte und die regelmäßig sich darunter befindende Fettschicht schützen ihn auch vollständig 
vor den Stichen der Immen; macht er sich doch, wie Lenz aus seinen Beobachtungen erfuhr, nicht 
einmal aus dem Biß der Kreuzotter etwas, falls er Lust verspürt, diesen giftzahnigen Wurm zu 
verspeisen. Kerbthiere aller Art, Schnecken und Regenwürmer bilden während des Sommers wohl 
den Haupttheil seiner Mahlzeiten. Im Herbst verspeist er abgefallenes Obst aller Art, Möhren und 
Rüben, Vogeleier und junge Vögel, die auf der Erde liegen; kleinere Säugethiere, junge Hasen, 
Fledermäuse, Maulwürfe re., werden auck nicht verschmäht, ja selbst Eidechsen, Frösche und, 
wie oben bemerkt, Schlangen munden ihm vortrefflich. Honig und Trauben scheinen aber doch seine 
Hauptnahrung zu bleiben, und in den Weinbergen richtet er nach Umständen große Verwüstungen an. 
Er drückt die traubenschweren Reben ohne Umstände mit der Pfote zusammen und mästet sich förmlich 
mit ihrer süßen Frucht. Nur höchst selten stiehlt er auch junge Enten und Gänse von Bauerhöfen, 
welche ganz nahe am Walde liegen; denn er ist außerordentlich mißtrauisch und furchtsam, wagt sich 
deshalb auch blos dann heraus, wenn er überzeugt sein kann, daß Alles vollkommen sicher ist. Im 
Nothfälle geht er auch auf Aas aus. Er frißt im Ganzen wenig und trägt auch nicht viel für 
den Winter in seinen Bau ein; es müßte denn ein Möhrenacker i:^ der Nähe desselben liegen und 
seiner Bequemlichkeit zu Hilfe kommen. Wird er wirklich im Freien überrascht, so begeht er oft die 
größte, Dummheit, welche ein Thier in seiner Lage ausüben kann. Ein junger, im Gebirge über¬ 
raschter Dachs z. B. dachte nicht einmal ans Fliehen, sondern legte sich erschrocken platt auf den 
Boden, als wäre er dann geborgen, fuhr aber mit wüthenden Bissen in den Stock, mit welchem man 
ihn aufscheuchen wollte. Ein Hund wird unter solchen Umständen oft sehr gefährlich verwundet: denn 
das Gebiß des Dachses ist furchtbar und schließt ganz vortrefflich in einander; übrigens benutzt er 
auch, auf dem Boden liegend, seine Vorderpfoten zu kräftiger Vertheidigung. 
Zu Ende des Spätherbstes hat er sich, wie es bei vielen Menschen, welche wenig Bewegung und 
hinreichende Nahrung haben, ebenfalls zu geschehen pflegt, wohl gemästet. Jetzt denkt er daran, den 
Winter so behaglich, als nur irgend möglich, zu verbringen und bereitet das Wichtigste für seinen Winter¬ 
schlaf vor. Er trägt Laub in seine Höhle und bereitet sich ein dichtes, warmes Lager. Bis zum Eintritt 
der eigentlichen Kälte zehrt er von dem Eingetragenen. Nun rollt er sich zusammen, legt sich auf den 
Bauch und steckt den Kopf zwischen die Vorderbeine (nicht, wie gewöhnlich behauptet wird, zwischen 
die Hinterbeine, die Schnauzenspitze in seiner Drüsentasche verbergend) und verfällt in einen Winter¬ 
schlaf. Derselbe ist aber, wie jener der Bären, sehr häufig unterbrochen. Bei nicht anhaltender Kälte 
oder beim Eintritt gelinderer Witterung wird er immer wach, geht sogar zuweilen nachts aus seinem. 
Baue heraus, um zu trinken, besonders bei Thauwetter.und nicht sehr kalten Nächten. Bei verhält- 
nißmäßig warmer Witterung verläßt er schon im Januar oder spätestens im Februar zeitweise den 
Bau, um Wurzeln auszugraben und, wenn ihm das Glück wohl will, auch vielleicht ein dummes 
Mäuschen zu überraschen und abzufangen. Dennoch bekommt ihm das Fasten sehr schlecht, und 
wenn er im Frühling wieder an das Tageslicht kommt, ist er, der sich ein volles Bäuchlein ange¬ 
mästet und dreißig bis vierzig Pfund erreicht hatte, fast klapperdürr geworden. 
Die Rollzeit des Dachses findet in der Regel Ende Novembers oder Anfang Dezembers statt, 
ausnahmsweise (zumal bei jungen Thieren) aber auch im Februar und März. Nach zehn bis zwölf 
Wochen, also Ende Februars oder Anfangs März wirft die Mutter drei bis fünf blinde Junge auf 
ein sorgfältig ausgepolstertes Lager von Mos, Blättern, Farrnkräutern und langem Grase, welche 
Stoffe sie zwischen den Hinterbeinen bis zum Eingänge ihres Baues getragen und dann mit gegen¬ 
gestemmten Kopfe und den Vorderfüßen durch die Röhre in den Kessel geschoben hat. Daß sie dabei 
einen eigenen Bau bewohnt, versteht sich eigentlich von selbst; denn der weibliche Dachs ist ebenso¬ 
gut ein eingefleischter Einsiedler, wie der männliche. 
Die kleinen Jungen werden lvon der Mutter treu geliebt. Sie säugt sie und trägt ihnen so-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.