Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/544/
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Die RauLthiere. Schleichkatzen. Mangusten. — Ichneumon. 
egyptischen Hühnern ganz nach freier Vögel Art angelegt werden, wird er sehr gefährlich. Wirklichen 
Nutzen bringt er jetzt soviel, als nicht; man müßte ihm denn die Vertilgung der Schlangen 
besonders hoch anrechnen. Gegenwärtig hat er mit den Krokodilen gar nichts mehr zu schassen, weil 
diese in Unteregypten, wo er sich hauptsächlich findet, gänzlich ausgerottet sind; und somit kann er die 
rühmlichen Thaten seiner Ahnen weder bekräftigen noch widerlegen. Doch will es allen Denen, 
welche ihn kennen, scheinen, daß auch seine Ahnen nicht so dumm gewesen seien, in den zähnestarrenden 
Rachen eines Krokodiles zu kriechen, und jedenfalls haben allen Ichneumonen die Hühnereier von 
jeher besser geschmeckt, als die Eier der Krokodile, welche, wie bekannt, von der Mutter sorgsam 
bewacht werden. Dann ist der Raub solcher Eier eben keine Kleinigkeit: — eine alte Krokodilmutter 
kann, zumal einem Ichneumon gegenüber, unter Umständen sehr ungemüthlich werden. 
Wenn man unsern Ausspürer, ohne von ihm bemerkt zu werden, beobachtet, sieht man ihn 
sehr langsam und bedächtig durch die Felder oder Rohrdickichte schleichen. Sein Gang ist höchst 
eigenthümlich. Es sieht aus, als ob das Thier auf der Erde dahinkröche, ohne ein Glied zu 
bewegen. Denn die kurzen Beine werden von den langen Haaren seines Balges vollkommen bedeckt, 
und ihre Bewegung ist deshalb kaum sichtbar. Zudem sucht er auch immer Deckung und verläßt 
deshalb das ihn zum größten Theil verbergende Gras, das Getreide oder das ihn ganz versteckende 
Rohr niemals. 
In den Sommermonaten sieht man ihn höchst selten allein, sondern stets in Gesellschaft seiner 
Familie. Das Männchen geht voran, das Weibchen folgt, und hinter der Mutter kommen die Jungen. 
Immer geht ein Mitglied dicht hinter dem andern, und so sieht es aus, als ob die ganze Kette von 
Thieren nur ein einziges Wesen sei, einer merkwürdig langen Schlange etwa vergleichbar. Bisweilen 
bleibt der Vater stehen, hebt den Kopf und sichert; dabei bewegt er die Nasenlöcher nach allen Seiten 
hin und schnauft wie ein keuchendes Thier. Hat er sich vergewissert, daß er Nichts zu fürchten hat, so 
geht es weiter; hat er eine Beute erspäht, so windet er sich wie eine Schlange geräuschlos zwischen 
den Halmen hindurch, um an jene heranzukommen, und plötzlich sieht man ihn ein oder zwei Sätze 
machen, selbst noch nach einem bereits aufgeflogenen Vogel. Die ganze Familie thut ihm jede 
Bewegung nach,, wendet den Kopf, schnüffelt nach derselben Richtung hin, untersucht witternd und 
scharrend dasselbe Mauseloch wie er, oder sieht ihm wenigstens achtsam zu und bemüht sich jedenfalls 
nach Kräften, ihm so viel als möglich von seinen Kunstgriffen abzulernen. Er übt seine Sprößlinge 
aber auch besonders im Fange und bringt ihnen z. B., wie unsere Hauskatzen es ebenfalls thun, junge, 
lebendige Mäuse, welche er dann vor den hoffnungsvollen Kindern frei läßt, um ihnen das Vergnügen 
einer Jagd zu bereiten. Wenn er an das Wasser geht, um zu saufen, schreitet er erst sehr furchtsam 
aus dem Graben, in welchem er sich ungesehen hingeschlichen hat, kriecht langsam auf dem Bauche weiter 
fort und schreckt bei jedem Schritte etwas zurück, beriecht alle Gegenstände und macht dann einen plötz¬ 
lichen Sprung nach dem Wasser zu, gerade so, wie wenn er sich auf seine Beute stürzt. Bei seinen 
Jagden ist seine Vorsicht außerordentlich groß und für den Beobachter höchst ergötzlich. Er lauert vor 
einem Mauselochs regungslos wohl eine Stunde lang und schleicht einer Ratte, einem jungen Vogel 
mit einer Bedachtsamkeit nach, welche geradezu ohne Gleichen ist. 
Es ist höchst wahrscheinlich, daß er ebenso vortrefflich spürt, wie der beste Hund; soviel ist 
sicher, daß ihn hauptsächlich der Geruch Lei seinen Jagden leitet. Trifft er auf Eier, so trinkt er sie 
alle aus; von Säugethieren und Vögeln saugt er in der Regel nur das Blut und frißt das Gehirn 
aus. Er mordet weil mehr, als er bewältigen kann und wird hierdurch dem zahmen Hausgeflügel 
viel verderblicher, als jedes andere Raubthier seiner Heimat. 
Seine Stimme hört man blos dann, wenn er mit einer Kugel angeschossen worden ist, sonst 
schweigt er, selbst bei der schmerzhaftesten Verwundung. Doch behaupten die Egypter, daß er auch 
zur Paarungszeit sein ziemlich scharfes, eintöniges Pfeifen vernehmen lasse. 
Man hat, wie von ihm überhaupt, Vieles von seinen Feindschaften mit anderen Thieren gefabelt 
und namentlich hervorgehoben, daß er in dem ihm ähnlichen Fuchs, dem Schakal und noch mehr
        

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