Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/54/
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Die Affen. 
oder Felsen. Der alte Affe zieht voran und bezeichnet den Weg, welcher stets in der kühnsten Weise 
ausgeführt wird. Erst wenn er sich ruhig zeigt, sammelt sich die Herde und beginnt dann nach kurzer 
Zeit den Rückweg, um die unterbrochene Plünderung — denn nur von einer solchen flüchten sie — 
wieder aufzunehmen. 
Jedoch nicht alle Affen flüchten vor Feinden; die Stärkeren stellen sich vielmehr selbst furcht¬ 
baren Raubthieren und dem noch gefährlicheren Menschen kühn zur Wehr und lassen sich auf Kämpfe 
ein, deren Ausgang für den Angreifer mindestens zweifelhaft ist. Die größeren Affen, zumal die 
Paviane, besitzen in ihren Zähnen auch so furchtbare Waffen, daß sie es mit einem Feinde wohl 
aufnehmen können, besonders wenn dieser, wie gewöhnlich, einzeln herankommt, während sie die Ver¬ 
theidigung stets in Masse unternehmen und im Kampfe außerordentlich treu und fest zusammenhcrlten. 
Die Weibchen lassen sich nur, wenn sie sich ihrer Haut wehren oder ihr Junges vertheidigen müssen, 
in Kämpfe ein; dann aber zeigen sie verhältnißmäßig ebenso große Tapferkeit, wie die Männchen. 
Die meisten Affen kämpfen mit ihren Händen und Zähnen, sie kratzen und beißen; allein es wird von 
vielen Seiten einstimmig versichert, daß manche Arten auch mit Stöcken, zumal mit abgebrochenen 
Baumästen, sich vertheidigen, und es ist gewiß, daß sie Steine, Früchte, Holzstücke und dergleichen 
von oben herab auf ihre Gegner schleudern. Schon mit dem Pavian läßt sich kein Eingeborner in 
Kämpfe ein, vor Allem aber nicht, wenn er ohne das furchtbare Feuergewehr ihm entgegentreten 
sollte. Die Orangaffen und namentlich die Gorillas sollen so stark und gefährlich sein, daß der 
Mensch, welcher mit ihnen in Streit geräth, sein Feuergewehr ausschließlich zu seiner Selbstvertheidi¬ 
gung, niemals aber zum Angriffe benutzen kann. Jedenfalls ist die beispiellose Wuth der Affen, 
welche deren Stärke noch bedeutend steigert, sehr zu fürchten, und die Gewandtheit, welche sie alle 
besitzen, nimmt ihrem Feinde nur zu häufig die Gelegenheit, ihnen einen entscheidenden Schlag 
beizubringen. 
In der Freiheit lebt jede Affenart für sich oder vereinigt sich höchstens mit ganz ähnlichen Arten; 
in der Gefangenschaft halten jedoch fast alle Arten gute Freundschaft, und es bildet sich hier ein 
ähnliches Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältniß, wie unter einer Bande. Der Stärkste erringt 
auch hier die Oberherrschaft. Größere Arten nehmen sich der kleineren, hilfloseren regelmäßig an, 
und zwar thun Dies die Männchen ebensowohl wie die Weibchen. Große Aefsinnen zeigen selbst 
Gelüste nach kleinern Menschenkindern oder allerlei jungen Thieren, welche sich tragen lassen. . So 
abscheulich der Affe sonst gegen Thiere ist, so liebenswürdig beträgt er sich gegen Kinder oder Pfleg¬ 
linge, und daher ist die Affenliebe sprichwörtlich geworden. Am meisten zeigt sie sich natürlich an 
den eigenen Affenkindern. 
Die Asien gebären ein Junges, wenige Arten zwei. Dies ist regelmäßig ein kleines, überaus 
häßliches Geschöpf, scheinbar mit doppelt so langen Gliedmaßen, wie seine Eltern sie besitzen, und 
mit einem Gesichte, welches dem eines Greises viel ähnlicher sieht, als dem eines Kindes, so faltig 
und runzelig ist es. Dieser Wechselbalg ist aber der Liebling der Mutter in noch weit höherem 
Grade, als es bei dem Menschen unter ähnlichen Umständen der Fall zu sein pflegt: sie hätschelt 
und pflegt ihn in rührender oder — lächerlicher Weise, wie man will; denn die Liebe streift an das 
Lächerliche. Das Kind hängt sich balk nach seiner Geburt mit seinen beiden Vorderhänven an den 
Hals, mit seinen beiden Hinterhänden aber an die Weichen der Mutter fest, in der geeignetsten Lage, 
die laufende Mutter nicht zu behelligen und ungestört zu saugen. Größer gewordene Affenkinder 
springen bei Gefahr 'auch wohl auf Schulter und Rücken ihrer Eltern. 
Anfangs ist das kleine Wesen natürlich sehr gefühl- und theilnahmslos, um so zärtlicher aber 
ist seine Mutter. Sie hat ohne Unterlaß mit ihrem Liebling zu thun; bald leckt sie ihn, bald laust 
sie ihn wieder, bald drückt sie ihn an sich, und bald nimmt sie ihn in beide Hände, als wollte sie sich 
an seinem Anblicke weiden, bald legt sie ihn sich an die Brust, bald schaukelt sie ihn hin und her,, als 
wollte sie ihn einwiegen. Plinius versichert ganz ernsthaft, daß die Aeffinnen ihre Jungen aus 
lauter Liebe oft zu Tode drückten; doch ist Dies in der Neuzeit niemals beobachtet worden. Nach
        

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