Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/525/
Gefangenleben und Zähmung. 
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Wir hatten nämlich eine dritte Hiäne gekauft, und diese mochte ihre schon gezähmten Kameraden wieder 
verdorben haben; indessen bewiesen sie sich nach dem Bade, und nachdem sie von einander getrennt 
worden waren, wieder ganz freundlich und liebenswürdig. 
Nach Verlauf eines Vierteljahres, vom Tage der Erwerbung an, konnte ich mit ihnen spielen, 
wie mit einem Hunde, ohne befürchten zu müssen, irgend welche Mißhandlung von ihnen zu erleiden. 
Sie gewannen mich mit jedem Tage lieber und freuten sich ungemein, wenn ich zu ihnen kam. Dabei 
benahmen sie sich, nachdem sie mehr, als halberwachsen waren, höchst sonderbar. Sobald ich in den 
Raum trat, fuhren sie unter fröhlichem Geheul auf, sprangen an mir in die Höhe, legten mir ihre 
Vorderpranken auf beide Schultern, schnüffelten mir im ganzen Gesicht herum, hoben endlich ihre 
Standarte steif und senkrecht empor und schoben dabei den umgestülpten Mastdarm gegen IV2 bis 2 
Zoll weit aus dem After heraus. Diese Begrüßung wurde mir stets zu Theil, und ich konnte bemerken, 
daß der sonderbarste Theil derselben jedesmal ein Zeichen ihrer freudigsten Erregung war. 
Wenn ich sie mit' mir auf das Zimmer nehmen wollte, öffnete ich den Stall und beide folgten 
mir; die dritte hatte ich in Folge eines Anfalles ihrer Raserei todtgeschlagen. Wie etwas zudring¬ 
liche Hunde sprangen sie wohl hundert Mal an mir empor, drängten sich zwischen meinen Beinen 
hindurch und beschnüffelten mir Hände und Gesicht. In unserm Gehöft konnte ich so mit ihnen überall 
herumgehen, ohne nur befürchten zu müssen, daß eine oder die andere ihr Heil in der Flucht suchen 
würde. Später habe ich sie in Kairo an leichten Stricken durch die Straßen geführt zum Entsetzen 
aller gerechten Bewohner derselben. Sie zeigten sich so anhänglich, daß sie ohne Aufforderung mich 
zuweilen besuchten, wenn einer meiner Diener es vergessen hatte, die Stallthüre hinter sich zu ver¬ 
schließen. Ich bewohnte den zweiten Stock des Gebäudes, der Stall befand sich im Erdgeschoß. Dies 
hinderte die Hiänen aber gar nicht; sie kannten die Treppen ausgezeichnet und kamen regelmäßig auch 
ohne mich in das Zimmer, welches ich bewohnte. Für Fremde war es ein ebenso überraschender, als 
spaßhafter Anblick, uns beim Theetisch sitzen zu sehen. Jeder von uns hatte nämlich eine Hiäne zu 
seiner Seite, und diese saß so verständig, ruhig auf ihrem Hintern, wie ein wohlerzogener Hund bei 
Tische zu sitzen pflegt, wenn er um Nahrung bettelt. Letzteres thaten die Hiänen auch und zwar be¬ 
standen ihre zarten Bitten in einem höchst leisen, aber ganz heiserklingenden Kreischen und ihr 
Dank, wenn sie sich aufrichten konnten, in der vorhin erwähnten Begrüßung oder wenigstens in einem 
Beschnüffeln der Hände. 
Sie verzehrten Zucker leidenschaftlich gern, fraßen aber auch Brod und zumal solches, welches wir 
mit Thee getränkt hatten, mit vielem Behagen. Ihre gewöhnliche Nahrung bildeten Hunde, welche wir 
für sie erlegten. Die große Menze der im Morgenlande herrenlos herumschweifenden Hunde machte 
es uns ziemlich leicht, das nöthige Futter für sie aufzutreiben; doch durften wir niemals lange an 
einem Orte verweilen, weil wir sehr bald von den Thieren bemerkt und von ihnen gemieden wurden. 
Auch während der dreihundert Meilen langen Reise von Charthum nach Kairo, welche wir allen Strom¬ 
schnellen des Nils zum Trotze in einem Boote zurücklegten, wurden unsere Hiänen mit herrenlosen 
Hunden gefüttert. Gewöhnlich bekamen sie blos den dritten oder vierten Tag zu fressen; einmal aber 
mußten sie freilich auch acht Tage lang fasten, weil es uns ganz unmöglich war, ihnen Nahrung zu 
schaffen. Da hätte man nun sehen sollen, mit welcher Gier sie über einen ihrer getödteten Familien¬ 
verwandten herfielen. Es ging wahrhaft lustig zu: sie jauchzten und lachten laut auf und stürzten sich 
dann wie rasend auf ihre Beute. Wenige Bisse rissen die Bauch- und Brusthöhle auf, und mit wahrer 
Wollust wühlten die schwarzen Schnauzen in den Eingeweiden herum. Eine Minute später erkannte 
man keinen Hiänenkopf mehr, man sah blos zwei dunkle, unregelmäßiggestaltete und über und über 
mit Blut und Schleim bekleisterte Klumpen, welche sich immer von neuem wieder in das Innere der 
Leibeshöhle versenkten und frisch mit Blut getränkt auf Augenblicke zum Vorschein kamen. Niemals 
hat mir die Aehnlichkeit der Hiänen mit den Geiern größer scheinen wollen, als während solcher Mahl¬ 
zeiten. Sie standen dann in keiner Hinsicht hinter den Geiern zurück, sondern übertrafen sie wo¬ 
möglich noch in ihrer entsetzlichen Freßgier. Eine halbe Stunde nach Beginn ihrer Mahlzeiten fanden
        

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