Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/462/
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Die Raubthiere. Hunde. — Wolf. 
entfernten Orten gefangenen Fische nach Hause zu bringen. Endlich waren sie gezwungen, während 
aller dieser Arbeiten, welche äußerst langsam vonstattengingem, die Jagd der Vögel und Pelzthiere 
fast ganz zu verabsäumen. Eine furchtbare Hungersnoth, welche viele Menschen hinraffte, war die 
Folge des Mangels an Hunden, welche hier nie ersetzt werden können, weil es bei dem rauhen Klima 
und kurzen Sommer ganz unmöglich ist, das nöthige Futter für die Pferde anzuschaffen, und endlich, 
weil der Hund ganz flüchtig über den Schnee hinwegläuft, wo das schwere Pferd beständig ver- 
■ sinken würde." 
Von diesen Thieren kann man in Wahrheit das Wort Zoroasters anwenden: „Durch den 
Verstand des Hundes besteht die Welt." 
Der Hund hat uns bewiesen, was die Erziehung eines Thieres über dasselbe vermag: der 
Wolf, unsers treuen Hausfreundes nächster Verwandter, macht uns mit dem Hunde im Urzustände 
bekannt. Zwischen jenem erzogenen und diesem wilden Hunde ist der Unterschied so groß, daß wir 
den Einen in dem Andern nicht wiedererkennen, und so ist es erklärlich, wenn wir den Wolf regel¬ 
mäßig im höchsten Grade einseitig auffassen und beurtheilen. Der Haushund schwebt uns vor, wenn 
wir uns mit dem Wolfe beschäftigen; wir denken an Bildung und Gesittung, wo wir es mit Wildheit 
zu thun haben: es wird also, ganz abgesehen von der mit ins Spiel kommenden Selbstsucht, unser 
Urtheil ein falsches. 
Wenige Thiere sind, mindestens dem Namen nach, so allgemein bekannt geworden, als der Wolf. 
Von ihm berichtet die älteste Geschichte und das älteste Märchen, er spielt seine Rolle in den frühsten 
Völkersagen und in heutigen Ammengeschichten, er ist den wilden Völkern nicht weniger verhaßt, als 
den gesitteten. Wo er auch erscheint, tritt er als Feind des Menschen auf, und dieser hat seine Feinde 
wenn auch nicht richtiger beurtheilt, so doch oft schärfer beobachtet, als die meisten seiner Freunde 
unter den Thieren. 
Der Wolf (Canis Lupus oder Lupus vulgaris) hat etwa die Gestalt eines großen, hochbeinigen, 
dürren Hundes, welcher den Schwanz hängen läßt, anstatt ihn aufgerollt zu tragen. Bei schärferer 
Vergleichung zeigen sich die Unterschiede namentlich im Folgenden: Der Leib ist hager, der Bauch 
eingezogen, die Läufe sind klapperdürr und schmalpfotig. Die langhaarige Lunte hängt bis auf 
die Fersen herab, die Schnauze ist im Verhältniß zu dem dicken Kopf gestreckt und spitzig, die breite 
Stirn fällt schief ab, die Seher stehen schief, die Lauscher immer anstecht. Der Pelz ist nach dem 
Klima der Länder, welche der Wolf bewohnt, verschieden, ebensowohl hinsichtlich seines Haarwuchses, 
als seiner Färbung. In den nördlichen Ländern ist die Behaarung lang, rauh und dicht, am 
längsten am Unterleib und an den Schenkeln, buschig am Schwänze, dicht und austechtstehend am 
Halse und an den Seiten; in südlichen Gegenden ist der Pelz kürzer und rauher. Die Färbung ist 
gewöhnlich fahlgraugelb mit schwärzlicher Mischung, welche an der Unterseite lichter, oft weißlichgrau 
erscheint. Im Sommer spielt die Gesammtfärbung mehr in das Röthliche, im Winter mehr in das 
Gelbliche, in nördlichen Ländern mehr in das Weiße, in südlichen mehr in das Schwärzliche. Die 
Stirne ist weißlichgrau, die Schnauze gelblichgrau, immer aber mit Schwarz gemischt. Die Lippen sind 
weißlich, die Wangen gelblich und zuweilen undeutlich schwarz gestreift. Ein ausgewachsener Wolf 
erreicht gewöhnlich fünf Fuß Leibeslänge, wovon l4/a Fuß auf den Schwanz kommen. Die Höhe am 
Widerrist beträgt etwa 2% Fuß. Das Weibchen unterscheidet sich von dem Männchen durch einen 
etwas schwächern Körperbau, eine spitzere Schnauze und einen dünnern Schwanz. 
Sehr fraglich ist es übrigens, ob man alle Wölfe Europas als verschiedene Ausprägungen ein 
und derselben Art oder als wirklich verschiedene Arten anzusehen hat. Auch beim Wolf werden fest¬ 
stehende Unterscheidungsmerkmale der nordischen und südlichen Thiere bemerklich, welche mindestens
        

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