Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/432/
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Die Raubthiere. Hunde — Jagdhunde. 
ganz unbefangen hin und her; sobald sie aber an einen Roggen- oder Weizenacker kamen, änderte 
sich alsbald ihr ganzes Wesen und ihre Bewegungen; denn sie setzten jetzt nicht mehr hin und her, wie 
sie es-zuvor in der noch niedrigen Frucht gethan hatten, sondern es unterstand sich keiner mehr, einen 
solchen Acker mit hohem Getreide zu betreten. Vielmehr suchten sie jetzt nur noch im langsamen Trabe, 
und zwar immer nur in der äußersten Furche, aus der Seite, wo sie den besten Wind hatten, um das 
Wild in die Nase zu bekommen. Als ich meine Verwunderung über diese Vorsicht äußerte und zu¬ 
gleich den Wunsch aussprach, zu erfahren, auf welche Weise man sie dazu gebracht hatte, die Frucht¬ 
stücke so genau zu unterscheiden, erwiederte man, das Dies sehr leicht und bald dadurch bewerkstelligt 
worden wäre, indem man sie zwar sehr oft auf einen Spaziergang mitgenommen, ihnen aber nie ge¬ 
stattet habe, einen Acker mit schon hohem Getreide zu betreten, sowohl um jeden Verdruß mit den 
Feldbesitzern zu vermeiden, als auch, um die Hunde stets im Auge zu behalten." 
„Ich besaß einst einen Hund, welcher fast menschliche Ueberlegung zeigte, und ich will nur einen 
einzigen Fall davon hier mittheilen. Wenn ich in Dienstgeschäften aus dem Walde zurückkam, führte 
mich mein Weg gewöhnlich an einem kleinen, sumpfigen Weiher vorüber, wo in der Streichzeit, d. j. 
in den Frühlings- und Herbstmonaten, fast immer Heerschnepfen (Telmatias gallinago) zu liegen 
pflegten. Dies wußte mein Hund sehr wohl. Er eilte darum schon in der Entfernung von mehreren 
tausend Schritten vor mir voraus, suchte einen solchen Vogel auf u?id bljeb vor demselben stehen, 
drehte aber sogleich seinen Kopf nach mir, um sich zu überzeugen, ob ich rechts ab die Straße ver¬ 
lassen und mich nach dem Weiher wenden oder meines Wegs gehen würde, da Letzteres jedesmal ge¬ 
schah, wenn ich entweder keine Lust oder keine Zeit zum Schießen hatte. Solange nun dem Hunde 
noch Hoffnung übrig blieb, daß diese von ihm angezeigte Schnepfe von mir werde aufgesucht werden, 
blieb er fest und unbeweglich mit'immer nach mir gerichteten Augen stehen. Sobald ich aber, ohne 
mich zu nähern, vorüber gegangen war, stieß er sie heraus und verließ sogleich den Sumpf, ohne 
weiter aufzusuchen. Dieses Verfahren hat er mehr als dreißig Mal wiederholt, und viele meiner 
Bekannten waren Augenzeugen davon." 
„Schon mehrmals ist mir auch der Fall vorgekommen, daß, während meine Hunde im vollen 
Suchen begriffen oder doch überhaupt in lebhafter Bewegung waren, plötzlich innehaltend, sie sich flach 
auf den Boden niederwarfen und in dieser Stellung liegen blieben. Wenn ich nun der Richtung 
ihrer Blicke folgend nachforschte, was wohl die Ursache ihres Benehmens sein möge, so war es ge¬ 
wöhnlich irgend ein Wild, gewöhnlich ein Hase, den ich oft noch in sehr großer Entfernung laufen 
oder vielmehr auf uns zukommen sah; denn nur in dem einzigen Falle, wenn er in gerader Linie sich 
uns näherte, nicht aber, wenn er seine Richtung seitwärts vorbei nahm, legten sich die Hunde nieder, 
wie ein Raubthier, welches auf die Annäherung seines Opfers lauert, um dasselbe, wenn es nahe genug 
herangekommen, sicherer zu erhaschen, zuvor aber sich vor dessen Augen soviel als möglich zu bergen sucht. 
„Ein Hühnerhund, welcher einem meiner Freunde gehörte, bemerkte einst, während er von 
weitem eine Jagd auf einer Insel von geringem Umfange mit ansah, daß einer von den hin- und her¬ 
gesprengten Hasen sich über eine schmale Drückendem einzigen zu der Insel führenden Eingang, in 
das Freie gerettet hatte. Als er nun abermals'jenseits des Wassers einen Hasen erblickte, eilte er, 
auf jede Art der Verfolgung verzichtend, in vollem Laufe nach der Brücke hin, legte sich dort stach 
auf den Boden und erwartete in dieser Stellung den nächsten Flüchtling, um sich desselben so recht 
auf dem kürzesten Wege zu bemächtigen. Um zum Schluß zu kommen, erwähne ich blos noch, daß 
derselbe Hund, welcher die gesunden Hasen vor sich sieht, ohne sich zu rühren, die angeschossenen 
halbe Stunden weit unermüdet verfolgt, sobald sein Herr es ihm befiehlt oder vielmehr es ihm er¬ 
laubt; denn der innere Trieb fordert ihn dazu auf, jede Schweißfährte so weit als möglich zu ver¬ 
folgen. Durch die Abrichtung hat er aber gelernt, das endlich gefangene oder aufgefundene Thier 
ohne die geringste Verletzung herbeizubringen. Auch als ausgestellter Wächter entspricht er jeder Er¬ 
wartung; denn halbe Tage lang bleibt er unbeweglich neben dem Gewehr oder der Jagdtasche seines 
Herrn im Walde liegen. Kein Unbekannter darf es wagen, sich zu nahen oder sie zu nehmen."
        

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