Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/425/
Beschreibung des eigentlichen Dachshundes. Gute und üble Eigenschaften. 
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besäße, unter keiner Bedingung auf seinen Herrn zu achten und das Erjagte gewöhnlich anzuschneiden. 
Alle Dächsel besitzen eine sehr feine Spürnase und ein außerordentlich gutes Gehör, dagegen ein ver- 
hältnißmäßig schlechtes Gesicht. Muth und Verstand im hohen Grade, Tapferkeit und Ausdauer sind 
ihnen allen eigen. So können sie zu jeder Jagd gebraucht werden, denn selbst auf Schweine gehen 
sie tolldreist los und wissen sich auch prächtig vor dem wüthenden Eber zu schützen, welcher sie ihres 
niedern Baues halber ohnehin nicht so leicht fassen kann, wie einen größern Hund. Ihre Klugheit ist 
außerordentlich. Sie sind gelehrig, treu, munter und angenehm, wachsam und von Fremden schwer 
zu Freunden zu gewinnen. Aber diesen vortrefflichen Eigenschaften stehen eine Menge anderer ent¬ 
gegen, welche dem Menschen unter Umständen die Dächsel verleiden können. Sie sind nämlich auch 
listig und diebisch, und im Alter werden sie ernst, mürrisch, bissig und oft tückisch, ja sie knurren und 
fletschen die Zähne sogar gegen ihren eignen Herrn. Gegen andere Hunde sind sie äußerst zänkisch 
und kampflustig und streiten fast mit jedem, welcher sich ihnen naht, selbst mit den größten Hunden, 
die ihnen eine offenbare Niederlage in Aussicht stellen. Bei solchen Beißereien mit großen Hunden 
sind sie wahrhaft niederträchtig listig; denn sobald der große Hund es versucht, sich zu vertheidigen, 
Dächsel. 
werfen sie sich auf den Rücken und versuchen den Gegner in die empfindlichsten Theile des Unterleibes 
zu beißen, um ihn hierdurch zu verscheuchen oder zu zwingen, von fernerm Kampfe abzustehen. 
Bei der Jagd hat man nun vollends seine Noth mit ihnen. Der Dächsel nimmt die Verfolgung 
des Wildes mit einer unglaublichen Gier auf und begiebt sich mit Hast in die ärgsten Dickichte, sie 
mögen aus einer Baumart bestehen, aus welcher sie wollen; er findet. Dank seiner vortrefflichen 
Sinne, auch bald ein Wild auf; aber nun vergißt er Alles. Er mag früher wegen seines Un¬ 
gehorsams soviel Prügel bekommen haben, als er ertragen kann — gleichviel; der Jäger mag pfeifen, 
rufen, nach ihm suchen, — hilft Alles Nichts: solange er das Wild vor Augen hat oder dessen Fährte 
verfolgt, geht er seinen eignen Weg mit einer Willkür, welche bei Hunden geradezu beispiellos ist. 
Stundenlang folgt er dem aufgescheuchten Hasen, stundenlang scharrt und gräbt er an einem Bau, 
in welchen sich ein Kaninchen geflüchtet hat; unermüdlich jagt er hinter dem Reh drein und vergißt 
dabei vollständig Raum und Zeit. Ermüdet er, so legt er sich hin, ruht aus und setzt dann seine 
Jagd fort. Erwischt er ein Wild, z. B. ein Kaninchen, so schneidet er es an und frißt-im günstigsten 
Falle die Eingeweide, wenn er aber sehr hungrig ist, das ganze Thier auf. Er weiß, daß er dafür 
bestraft werden wird, er versteht genau, daß er Unrecht thut; doch das ist ihm ganz gleichgiltig: die 
Jagdbegierde überwindet alle Furcht vor Strafe, alle besseren Gefühle.
        

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