Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/398/
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Die RauLthiere. Hunde — Haushund. 
In feinem Umgänge mit Menschen beweist der Hund ein Erkennnngsvermögen, welches nns 
oft Wunder nehmen muß. Daß alle Hunde den Abdecker kennen lernen und mit äußerstem Haß ver¬ 
folgen, ist sicher. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß sie augenblicklich missen, ob ein Mensch ein 
Freund von ihnen ist oder nickt. Daß die Ausdünstung gewisser Personen ihnen besonder« angenehm 
oder unangenehm ist, dürfte wohl nicht zu bezweifeln sein: allein Dies würde immer noch Nichts für 
diesen Fall beweisen. Manche Menschen werden, sobald sie in ein Haus treten, augenblicklich mit 
größter Freundlichkeit von allen Hunden begrüßt, selbst wenn ihnen diese noch nicht vorgestellt worden 
und ganz fremd sind. Ich kenne Frauen, welche sich nirgends niederlassen können, ohne nach wenrgen 
Minuten von sämmtlichen Haushunden umlagert zu werden. 
Bei dem Umgänge des Hundes mit dem Menschen kann man auch sehr gut den wechselnden Aus¬ 
druck des Hundegesichts beobachten. Die hohe geistige Fähigkeit des Thieres spricht sich in seinem 
Gesicht ganz unverkennbar aus, und es wird wohl Niemand leugnen wollen, daß jeder Hund fernen 
'durchaus besondern Ausdruck hat, daß man zwei Hundegesichter ebensowenig wird verwechseln können, 
wie zwei Menschengesichter. , 
Unter sich leben die Hunde gewöhnlich nicht besonders verträglich. Wenn zwei zusammenkommen, 
welche sich nicht kennen, geht's erst an ein gegenseitiges Beriechen, dann fletschen beide die Zahne, und 
die Beißerei beginnt, falls nicht zarte Rücksichten obwalten. Um (3 auffallender sind Freundschaften 
von der größten Innigkeit, welche einzelne, gleichgeschlechtige Hunde zuweilen eingehen. Solche Freunde 
zanken sich nie, suchen sich gegenseitig, leisten sich Hilfe in der Noth K. Auch mit anderen gieren 
werden manchmal ähnliche Bündnisse geschloffen; selbst das beliebte Sprichwort von der Zuneigung 
zwischen Hund und Katze kann zu Schanden werden. 
Der Geschlechtstrieb ist bei de» Hunden sehr ausgeprägt; er zeigt sich bei allen Arten als 
Aeußerung einer heftigen Leidenschaft, als ein Rausch, selbst als eine Art vorübergehender Krankheit 
und macht sie mehr oder weniger närrisch. Wird er nicht befriedigt, so kann der Hund unter Umstanden 
krank, sogar toll werden. Dabei ist der männliche Hnnd nicht ärger betheiligt, als der weibliche, 
obgleich sich bei diesem die Sache in einem andern Lichte zeigt. Die Hündin ist zweimal im Jahre 
läusisch, zumeist im Februar und im August, und zwar währt dieser Zustand jedesmal 9 bis 14 -vage. 
Um diese Zeit versammelt sie alle männlichen Hunde der Nachbarschaft um sich, selbst solche, welche 
eine halbe Stunde weit von ihr entfernt wohnen. Wie diese von einer begattnngSlnstigen Hündin 
Sunde bekommen, ist geradezu unbegreiflich. Man kann nicht wohl annehmen, daß sie durch den Geruch 
soweit geleitet würden, und gleichwohl ist eine andere Erklärung ebensowenig denkbar. Das Betragen 
beider Geschlechter unter sich ist ein höchst eigenthümliches. Es ist ebenso anziehend, als abstoßend, 
es erregt ebenso unsere Heiterkeit, als unsern Widerwillen. Der männliche Hund ist im höchsten 
Grade aufgeregt und folgt der Hündin aus Schritt und Tritt. Dabei wirbt er mit allen möglichen 
Kunstgriffen um deren Zuneigung. Sein ganzes Gesicht wird ein andere«; ,ede ferner Bewegungen 
ist gehobener, stolzer und eigenthümlicher; er sucht sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln 
liebenswürdig zu machen. Dahin gehört das Beschnuppern, das freundliche Anschauen, das sonderbare 
Auswerfen des Kopfes, die wirklich zärtlichen Blicke, das bittende Gekläff und dergleichem Gegen 
andere Hunde ist er mißgelaunt und eifersüchtig. Finden sich zwei gleich starke aus gleichem Wege, so 
giebt es eine tüchtige Beißerei; sind mehrere vereinigt, so geschieht Dies nicht, aber nm^ ans dem 
Grunde, weil alle übrigen männlichen Hunde sofort auf ein paar Zweikampfer losstürzen tüchtig aus 
sie hineinbeißen und sie dadurch auseinandertreiben. Gegen die Hündin sind alle aterf) 
gegen alle ihre Mitbewerber gleich abscheulich, und deshalb hört auch das Knurren und Klaffen, Zanken 
und Beißen nicht auf. Die Hündin selbst zeigt sich äußerst spröde und beißt beständig nach den sich 
ihr nahenden Liebhabern. Sie knurrt, zeigt die Zähne und ist sehr unartig, ohne l-doch dadurch die 
hingebenden Liebhaber zu erzürnen oder zu beleidigen. Endlich scheint sie doch »»t thuen Frieden zu 
schließen und giebt sich den Forderungen ihres natürlichen Triebes hm. Dabei ist es nun wider¬ 
wärtig, daß sie in Vielmännigkeit lebt und mehr als einem Hunde die Beiwohnnng gestattet, und es
        

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