Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/389/
Die Hunde in Egypten und Konstantinopel. 
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m der Straße liegen und sich herumquälen, welchem durch einen unglücklichen Zufall beide Hinter¬ 
beine derart zerschmettert waren, daß er sie gar nicht mehr gebrauchen konnte und sie, wenn er sich 
mit den Vorderbeinen mühsam weiterbewegte, hintennach schleifen mußte. Ganz unzweifelhaft hatten 
alle Bewohner des Ortes dieses unglückliche, erbärmliche Thier schon Monate lang täglich gesehen, 
Niemandem aber war es eingefallen, ihm einen Gnadenstoß zu geben. Ich zog eine Pistole und schoß 
ihm eine Kugel durch den Kopf, mußte mich aber ordentlich gegen die Leute vertheidigen wegen 
meiner That. 
Fängt man sich junge Hunde und hält sie lange Zeit in der Gefangenschaft, so werden sie 
vollständig zu Haushunden und sind dann als wachsame und treue Thiere sehr geschätzt. Bei weitem 
der größte Theil der jungen Straßenhunde aber findet keinen Herrn und begiebt sich, nachdem 
er halberwachsen ist, mit der Alten ins Freie und lebt dort genau in derselben Weise, wie seine 
Vorfahren. 
Innerhalb ihrer eigentlichen Wohnkreise sind die verwilderten Hunde ziemlich scheu und vor¬ 
sichtig, und namentlich vor dem fremdartig Gekleideten weichen sie jederzeit aus, sobald sich dieser ihnen 
nähert. Beleidigt man einen, so erhebt sich ein wahrer Aufruhr. Aus jedem Loche schaut ein Kopf 
heraus, und nach wenigen Minuten sind die Gipfel der Hügel mit Hunden bedeckt, welche ein ununter¬ 
brochenes Gebell ausstoßen. Ich habe mehrmals auf solche Hunde förmlich Jagd gemacht, theils um 
sie zu beobachten, theils um ihr Fleisch zu verwenden d. h. um es entweder als Köder für die Geier 
auszuwerfen, oder um es meinen gefangenen Geiern und Hiänen zu verfüttern. Bei diesen Jagden 
habe ich mich von dem Zusammenleben und Zusammenhalten der Thiere hinreichend überzeugen können 
und dabei auch unter andern die Beobachtung gemacht, daß sie mich schon nach kurzer Zeit vollständig 
kennen und fürchten gelernt hatten. In Eharthum z. B. war es mir zuletzt unmöglich, solche herren¬ 
lose Hunde mit der Büchse zu erlegen, weil sie mich nicht mehr auf 400 Schritt an sich herankommen 
ließen. Sie sind überhaupt dem Fremden sehr abhold und kläffen ihn an, sobald er sich zeigt, aber sie 
ziehen sich augenblicklich zurück, wenn man sich umwendet. Gleichwohl kommt nicht selten eine starke 
Anzahl auf Einen los, und dann ist es jedenfalls gut, dem naseweisesten Gesellen eine Kugel vor den 
Kopf zu schießen. Mit den Muhammedanern oder morgenländisch gekleideten Leuten leben sie in guter 
Freundschaft; sie fürchten dieselben nicht im Geringsten und kommen oft so nahe an sie heran, als ob 
sie gezähmt wären; mit den Haushunden dagegen liegen sie beständig in Streit, und wenn ein einzelner 
Hund aus der Stadt in ihr Gebiet kommt, wird er gewöhnlich so gebissen, daß er sich nicht mehr rühren 
kann. Auch die Hunde eines Berges verkehren nicht friedlich mit denen eines andern, sondern ge¬ 
rathen augenblicklich mit allen in Streit, welche nicht unter ihnen groß geworden und sich sozusagen 
mit ihnen zusammengebissen haben. 
Manchmal vermehren sich die verwilderten Hunde in das Unglaubliche, und dann werden sie zur 
wirklichen Landplage. Mahammed Aali ließ einmal, um dieser Pest zu steuern, ein Schiff förmlich 
mit Hunden befrachten und diese dann auf hoher See über Bord werfen, um sie sicher zu ertränken. 
Zum größten Glück sind sie der Wasserscheu nur äußerst selten ausgesetzt, ja man kennt wirklich kaum 
Beispiele, daß Jemand von einem tollen Hunde gebissen worden wäre. Die verwilderten Hunde gelten 
den Mahammedanern, wie alle Thiere, welche Aas fressen, für unrein in Glaubenssachen, und es ist 
deshalb dem Gläubigen verwehrt, sich näher mit ihnen zu befassen. Wird ein solches Thier aber ge¬ 
zähmt, so ändert sich die Sache, dann gilt blos seine beständig feuchte Nase noch für unrein: 
In Konstantinopel soll das Verhältniß des Menschen zu den Hunden ein ganz ähnliches sein. 
„Unzertrennlich von den Gassen der Hauptstadt," sagt Hackländer, „ist der Gedanke an ihre be¬ 
ständigen Bewohner, die herrenlosen Hunde, welche man in zahlloser Menge auf ihnen erblickt. Ge¬ 
wöhnlich macht man sich von Dingen, von denen man oft liest, eine große Idee und findet sich ge¬ 
täuscht. Nicht so bei diesen Hunden. Obgleich alle Reisenden darüber einig sind, sie als eine Plage 
der Menschen darzustellen, so sind doch die meisten bei der Beschreibung dieses Unwesens zu gelinde 
verfahren."
        

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