Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/381/
Kennzeichnung. Lebensweise. 
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Hier haben wir zuerst den Kolsun oder Dole (Canis dukhunensis) zu berücksichtigen. Das 
Thier bewohnt Dekan, die Gebirge Milagiri, Balaghad, Hyderabad und die östlich der Küste Coro- 
mandel gelegenen Waldgegenden; in anderen Theilen des großen Reichs scheint es nicht vorzukommen. 
Auch in Gegenden, welche der Kolsun bevorzugt, ist er nicht eben eine häufige Erscheinung, und 
viele Besucher Indiens haben ihn als ein fabelhaftes Wesen, als ein Märchen der Eingebornen an¬ 
gesehen. Er ist nämlich ein sehr scheues Thier und hält sich immer fern von dem Menschen und seinen 
Wohnungen, dafür jene dunkelen Rohrwaldungen vorziehend, welche uns unter dem Namen von 
Dschungeln bekannt sind, jene Dickichte, welche sich über Hunderte von Meilen ausdehnen und dem 
Menschen nur hier und da den Zutritt gestatten. 
Der Entdecker des Kolsun, Oberst Sykes, hält ihn geradezu für den Stammvater unsers 
Haushundes, obgleich seine eigne Beschreibung dieser Ansicht widerspricht. Das Thier hat entfernte 
Aehnlichkeit mit dem Windspiel, aber keine mit dem Schakal, Fuchs und Wolf. Seine Leibes¬ 
länge beträgt gegen drei Fuß und die des Schwanzes acht Zoll; die Höhe am Widerrist 16 Zoll. 
Dies sind ungefähr die Verhältnisse eines mittelgroßen Windhundes. Seine Färbung ist ein schönes 
Braunroth, welches auf den Füßen, den Ohren oder der Schnauze und an der Schwanzspitze dunkler, 
unten aber blässer wird; der ziemlich behaarte Schwanz ist hängend. 
In seinen Sitten zeigt der Kolsun viel Eigenthümliches. Er schlägt sich, wie seine Sippschafts- 
Verwandten, in stärkere oder schwächere Meuten, deren durchschnittliche Zahl aber doch fünfzig bis 
sechzig sein soll, jagt abweichend von den anderen Hunden ganz still oder läßt wenigstens nur in 
großen Zwischenräumen seine Stimme ertönen. Diese ist kein Bellen, wie das der Haushunde, 
sondern eher ein ängstliches Wimmern, welches dem Geheul des Haushundes ähnelt. Alle Berichte 
stimmen überein, daß er ein außerordentlich geschickter Jäger ist. Williamson, welcher ihn mehr¬ 
mals bei der Verfolgung einer Beute beobachtet hat, glaubt, daß kein einziges Thier bei einer langen 
Jagd diesem Hunde entkommen könne. Hinsichtlich der Jagd ähnelt er im Ganzen dem Wolf, unter¬ 
scheidet sich von ihm aber durck seinen ungewöhnlichen Muth und sein freundschaftliches Zusammen¬ 
halten. ^ Sobald die Meute ein Thier aufgestöbert hat, jagt sie ihm mit der größten Ausdauer nach 
und theilt sich sogar, um ihm den Weg nach allen Seiten hin abzuschneiden. Dann packt es der eine 
an der Kehle, reißt es nieder und die übrigen stürzen nun über den Leichnam her und fressen ihn in 
wenig Minuten auf. Mit Ausnahme des Elefanten und des Nashorn soll es, wie man sagt, 
kaum ein einziges indisches Thier geben, welches es mit dem Kolsun aufnehmen könne. Der wüthende 
Eber fällt ihm zum Opfer, trotz seines gewaltigen Gewehres, und der schnellfüßige Hirsch ist nicht 
im Stande, ihm zu entrinnen. Am.besten ist noch der Leopard daran, weil die Meute des Kolsun 
ihm nicht in die Zweige folgen kann, welche er augenblicklich aufsucht, sowie er sich angegriffen sieht; 
wird ihm aber sein Zufluchtsort in den Baumkronen abgeschnitten, so ist auch er ein Kind des Todes, 
trotz aller Gegenwehr. Man versichert, daß es der Meute vollkommen gleichgiltig sei, wenn ihre 
wüthigsten Genossen bei einem Angriff auf ein gefährliches Thier, wie es der Tiger oder der Bär 
ist, gelichtet würden; es können zehn und mehr unter den Tatzenschlägen des Tigers verbluten oder 
an der Bärenbrust erdrückt werden, die übrigen verlieren den Muth nicht, sondern stürzen sich immer 
von neuem mit solcher Kühnheit und solchem-Geschick auf ihren Gegner, daß sie ihn zuletzt doch er¬ 
müden und dann sicher noch erwürgen. Diesen blutigen Kämpfen zwischen größeren Raubthieren und 
dem Kolsun schreibt man die Seltenheit des Thieres zu; außerdem würde sich diese Hundeart, so 
glaubt man, in einer Weise vermehren, daß es in Indien bald gar keine Jagd mehr geben würde. 
Den Menschen soll dieser Wildhund niemals angreifen: er geht ihm vielmehr aus dem Wege, solange 
er kann; wird er aber angegriffen, dann beweist er seinen Muth auch dem Menschen gegenüber und 
ist kein zu verachtender Gegner. 
Eher noch als im Kolsun glaubte man in demBuansu oder im Buansuah den wilden Urhund 
zu finden und gab ihm deshalb geradezu den Namen Canis primaevus. In seiner Gestalt seinem 
Brehm, Thierleben ' ' 1
        

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