Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/379/
Naturwissenschaftliche Streitfragen über den Ursprung des Hundes: 
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bie Gelehrigkeit dieses im schroffen Gegensatz zu der Dummheit des gemeinen Hofhundes, in ebenso 
grellem der Gesichtsausdruck der verschiedenen Rassen. Und endlich das Vaterland, die geographische 
Verbreitung: auch ist sie keine allgemeine, das Vaterland kein einziges für alle Rassen. Wie der Neu¬ 
holländer seinen Dingo hat, so hat Süd- und Nordamerika ursprünglich seine ganz eigenthümlichen 
Haushunde gehabt. In den bebauten Ländern sind die Hunderassen seit Beginn der Bildung verwischt 
und ausgebreitet mit dem Menschen, sodaß es nunmehr nicht leicht möglich ist, jedem Gebiet seine 
ursprünglichen Hunde, jeder Rasse ihre ursprüngliche Heimat nachzuweisen. Für unsern Zweck liegt 
an diesem Nachweis ebensowenig, wie an der Anzahl ursprünglich verschiedener Rassen." 
„Wie also auch immerhin der Forscher seine Artenunterschiede macht, nach Farbe und Pelz, nach 
Größe, Lebensweise und Vaterland, nach Zähnen und Schädel oder nach durchgreifenden Eigenthüm¬ 
lichkeiten in dem gesammten Bau: jedenfalls muß er die sogenannten Hunderassen als ebenso viel von 
der Natur wirklich unterschiedene Arten anerkennen, und er wird es müssen, selbst wenn er der eifrigste 
und blinde Anhänger der zweifelhaften Lehre von der fruchtbaren Begattung ist. Er muß es, da es 
ja unmöglich ist, den größten Hund mit dem kleinsten zur Begattung zur bringen, da auch sonst die 
Abneigung der Haushunde unter einander, die Natur der freiwilligen Vermischung ein ebenso gewaltiges 
Hinderniß entgegengesetzt hat, wie sonst unter verschiedenen Arten. Die hingeworfene Behauptung: 
alle Hunderassen gehören zu einer Art, weil sie sich fruchtbar begatten und ihre Jungen wiederum unter 
einander, ist leichtfertig, unwahr; die tägliche Erfahrung widerspricht ihr geradezu. So geräth der 
hochgepriesene, angeblich mit logischer Schärfe und wissenschaftlicher Augenscheinlichkeil gewonnene 
Artbegriff gerade in den allergemeinsten Arten mit sich selbst in offenen Widerspruch und verläßt uns 
schon in seinem ersten Ausgangspunkte völlig. Alle thatsächlichen und auch lehrsätzlichen Beweise der 
systematischen Thierkunde also stellen uns in dem Mops und Windspiel, in Dachs- und Jagd¬ 
hund, Pintscher und Pudel, Spitz und Neufundländer, Wachtelhund undJsländer eben¬ 
soviel wirklich verschiedene Arten vor, und sie alle begatten sich erfahrungsmäßig fruchtbar mit einander, 
sobald die natürliche Körpergröße kein leibliches Hinderniß bietet und die Erziehung und der gesteigerte 
Geschlechtstrieb die Abneigung überwunden hat. Die Jungen aus diesen Vermischungen pflanzen sich 
unter einander ebenso gut wie mit den Stammarten fort. Die Haushunde beweisen somit auf das 
Allerentschiedenste, daß Bastarde aller verschiedenen Arten sich fruchtbar und Geschlechter hindurch mit¬ 
einander begatten. Diese von der Natur selbst täglich gebotenen Thatsachen sind schlagender, als alle 
jene vereinzelten Versuche und zufälligen Beobachtungen an Maulthieren und Böcken, an Wolf 
und Fuchs, an Zeisigen und Enten. Wer sich von ihrer einfachen Wahrheit nicht überzeugen will 
oder nicht überzeugen kann, der thut jedenfalls besser, statt in der Natur, in der Bibel zu lesen und aus 
dieser die Größe und Weisheit seines Gottes zu erforschen, er mag aber auch seine Auffassung der 
göttlichen Offenbarung für sich behalten." 
„Was nun den Einfluß der Züchtung betrifft, so beschränkt sich dieser bei den Säugethieren auf 
dieselben, schlechtweg unwesentlich körperlichen Eigenthümlichkeiten, nämlich auf die Größe, innerhalb 
enger, das Doppelte überall niemals übersteigender Grenzen, auf die Fett- und Milcherzeugung die 
Haarbildung und Färbung, die bezügliche Größe der Ohren und Klauen, die Weite des Magens, die 
Drüsenthätlgkeit und dergleichen. Dem geschicktesten Thierzüchter, den gewaltsamsten äußeren, von 
Klima, Nahrung, Aufenthalt, Beschäftigung gebotenen Einflüssen ist es noch in keinem Fall gelungen, 
einen neuen Körpertheil zu erzeugen oder die eigenthümliche Form irgend eines Organes zu ändern' 
Die Natur läßt ihren Kindern gewaltsam keinen Zahn und keine Zehe mehr aufdrängen oder 
rauben, nicht deren eigenthümliche Formen vermögen wir zu ändern, kein Muskel, kein Knochen 
ändert Lage und Gestalt, keiner tritt neu hinzu, keiner verschwindet spurlos. Der Magen und Darm- 
schlauch bleibt wesentlich derselbe, welche Nahrung wir auch dem Thiere geben mögen, die Luftröhre 
und der Kehlkopf, Gehirn und Sinneswerkzeuge, Herz, Lungen, kurz, jedes Organ bewahrt unter 
allen Umstanden, welche überhaupt seine Thätigkeit gestatten, die ihm ursprünglich eigenthümlich ge¬ 
wordene Gestalt und Bedeutung. Um dem einzelnen Wesen eine Eigenthümlichkeit zu verleihen, um
        

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