Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/370/
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Die Raubthiere. Katzen. — Tschitah. Hunde. 
besiegt haben, wenn ich dem Kampfe nicht ein Ende gemacht hätte. Zwei Eimer voll Wasser, welche ich 
über die wüthenden Kämpen goß, unterbrachen den Streit augenblicklich. Beide sahen sich höchst ver¬ 
dutzt an, und der Leopard hielt es, der ihm höchst verhaßten Wasserbäder sich plötzlich erinnernd, 
trotz aller Wuth und alles Fauchens doch für das Beste, so schnell als möglich seinen Käfig zu suchen, 
"welcher dann auch sofort verschlossen wurde. Zack war schon wenige Minuten nach dem Kampfe 
wieder ganz der Alte: er leckte, reinigte und putzte sich und begann wieder zu spinnen, als ob Nichts 
geschehen wäre. 
Wie zahm, gemüthlich und liebenswürdig mein Jack war, mag aus Folgendem hervorgehen. 
Einige deutsche Damen, welche sich gerade in Alexandrien befanden, waren gekommen, um meine 
Thiersammlung anzusehen, hatten mich aber nicht zu Hause gefunden und somit ihrem Wunsche auch 
nicht genügen können. Ich versprach ihnen jetzt scherzend, wenigstens einige von meinen Thieren zu 
ihnen zu bringen, und führte diesen Scherz auch wirklich einmal aus, als ich erfahren hatte, daß die 
Damen just zusammen waren. Ich konnte mich auf Jack vollständig verlassen und durfte schon Etwas 
wagen. Ihn an der Leine hinter mir fortführend, betrat ich also das betreffende Haus, beschwichtigte 
die entsetzten Diener, welche mich mit dem fürchterlichen Raubthiere hatten sehen kommen und Lärm 
schlagen wollten, und stieg nun ruhig nach dem zweiten Stockwerke des Hauses empor. An dem 
rechten Zimmer angelangt, öffnete ich die Thüre zur Hälfte und bat um Erlaubniß, eintreten, zugleich 
aber auch meinen Hund mitbringen zu dürfen. Dies wurde zugestanden, und Jack trat gemächlich 
ein. Ein lauter Aufschrei begrüßte den Harmlosen und setzte ihn in höchste Verwunderung. Die 
geängstigten Damen suchten, sich so gut als möglich zu retten, und sprangen in ihrer Verzweiflung 
auf einen großen, runden Tisch, welcher mitten im Zimmer stand. Dies aber diente blos dazu, 
Jack zu dem Gleichen aufzufordern, und ehe sich die Armen besannen, stand er mitten unter ihnen, 
spann höchst gemüthlich und schmiegte sich traulich bald an Diese, bald an Jene an. Da war denn 
freilich die Furcht bald verschwunden. Die beherzteste Dame begann, den hübschen Burschen zu lieb¬ 
kosen, und bald folgten alle übrigen ihrem Beispiele. Jack wurde der erklärte Liebling und schien 
nicht wenig stolz zu sein auf die ihm gewordene Auszeichnung. 
Aus Diesem und dem weiter oben Mitgetheilten geht unzweifelhaft hervor, daß der Gepard 
auch in geistiger Hinsicht ein echtes Mittelding zwischen Katze und Hund ist, und in seinem Wesen 
jedenfalls mehr unserm treuen Hausfreunde entspricht, als seinen gewöhnlich tückischen und hinter¬ 
listigen Verwandten. Er mag uns deshalb auch unmittelbar zu den Hunden führen. 
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Gemeinsame und gleichmäßige Berücksichtigung aller Eigenthümlichkeiten eines Thieres oder 
einer Thierfamilie sind für den Kundigen maßgebend zur Beurtheilung und Würdigung der betreffen¬ 
den Geschöpfe. Eben deshalb beschäftigen uns die Hunde (Canes) erst in der zweiten Familie. 
Wollten wir die geistigen Eigenschaften und Fähigkeiten allein in Betracht ziehen, so müßten 
wir den Hunden unzweifehaft die erste Stellung unter allen Raubthieren einräumen; denn die große 
Mehrzahl dieser ausgezeichneten Geschöpfe übertrifft in geistiger Hinsicht die Katzen bei weitem. Aber 
die Katzen sind einhelliger gebaut, als die Hunde, und ihre Geisteskräfte wenigstens nicht so germg, daß 
sie eine Voranstellung in der Reihe der Raubthiere verbieten sollten. Einzelne Naturforscher stellen 
zwischen die Katzen und Hunde die Hiänen als besondere Familie hin und wollen, auf den Bau des 
Gebisses sich stützend, in ihnen Bindeglieder zwischen den Katzen und Hunden erblicken: allein die 
ordnenden Thierkundigen dürfen ebensowenig das Gebiß allein berücksichtigen, als den Leibesbau oder 
das Wesen und den Verstand eines Thieres. Betrachtet man alle Eigenthümlichkeiten der betreffen¬ 
den Thiere zusammen, so wird man geradezu genöthigt sein, die Hiänen als verbildete, mißgestaltete 
Hunde in leiblicher und geistiger Hinsicht anzusehen, und wird sie deshalb höchstens an das Ende der
        

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