Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/36/
XXXII 
Ein Blick auf das Leben der Gesammtheit. 
So zeigt sich also schon in der Leibesgröße eine Bestimmung für die Lebensweise des Thieres. 
Noch mehr aber wird diese Bestimmung durch die Ausrüstung ausgesprochen. Daß ein Fisch- oder 
Flossensäuger schwimmt oder ein Flatterthier fliegt, versteht sich eigentlich von selbst: ebenso 
gut aber auch, daß der Affe oder das Eichhorn oder die Katze klettern, der Maulwurf gräbt 
uud die Viel- und Einhufer oder Wiederkäuer auf dem Boden laufen: ihre Gliederung weist 
sie dazu an. Hierzu kommt nun noch die Willkürlichkeit in der Wahl des Ortes, um den Aufent¬ 
halt eines Thieres zu bestimmen. 
Hinsichtlich der Ordnungen läßt sich Folgendes sagen: Die a lt w eltlichen Affen sind Baum¬ 
oder Felsen-, die neuweltlichen Affen und die Äffer aber ausschließlich Baumthiere; die Fleder¬ 
mäuse leben in der Luft, schlafen aber auf oder in Bäumen und in Felsen. Die Kerbthierräuber 
leben größtentheils auf dem Boden, einige aber auch unter der Erde und andere sogar auf Bäumen. 
Die fleischfressenden Rcnibthiere bewohnen Bäume und Felsen, den Boden und das Wasser; doch 
gehört die größere Anzahl den Erdthieren an, und nur sehr wenige führen ein theilweise unterirdisches 
Leben. Die Beutelthiere leben auf der Erde, in Höhlen, im Wasser und auf Bäumen, die Nage- 
thiere überall, nur nicht im Meere, größtentheils aber in Höhlen. Die Zahnlosen sind Erd-, Höh¬ 
len-und Baumthiere, die Dickhäuter leben wieder größtentheils auf dem Boden, einige aber auch 
im Sumpfe ^oder im Wasser selbst; die Einhufer uud Wiederkäuer sind ausschließlich Erd- oder 
Felsenthiere; die Flossenfüßler und Wale endlich Meerbewohner. 
Es muß Jedem, welcher beobachtet, auffallen, daß sich nicht allein die Heimat im weiteren 
Sinne, sondern auch der Wohnkreis, ja, der eng begrenzte Aufenthaltsort des Thieres in dem Ge¬ 
schöpfe selbst kund gibt. Die Zusammengehörigkeit von Land und Thier offenbart sich nämlich 
nicht alleirr'in der jedem Thiere eigenthümlichen Gliederung, sondern auch, uud zwar sehr scharf und 
bezeichnend, in der Färbung. Als allgemeine Regel kann gelten, daß das Thier eine Färbung 
besitzt, welche der vorherrschenden Färbung seines Wohnortes genau entspricht. Der 
außerordentliche Vortheil, welchen das Thier von einer solchen Gleichfärbigkeit mit seiner Heimat ziehen 
kann, wird klar, wenn wir bedenken, daß sich das Raubthier an seine Beute möglichst unmerkbar an¬ 
schleichen, das schwache Thier aber sich vor dem Räuber möglichst gut verstecken muß. Es liegt mir fern, 
in der Gleichfärbigkeit des Thieres und seiner Heimat ein Schöpfungswunder zu erblicken, weil ich das 
Thier einfach als Erzeugniß seiner Heimat betrachte und über das Wie dieser Zusammengehörigkeit 
nicht früher grüblen mag, als mir die Wissenschaft haltbare, auf natürlichem Grunde fußende Vor¬ 
lagen zur Erklärung gewähren kann. Ich will hier auch keine Erklärungen, sondern einfache That¬ 
sachen geben. 
Schon die Affen sind durchgehends ihren Wohnorten gleich gefärbt: Braun, Grasgrün 
und Grau sind die hauptsächlichsten Färbungen ihres Haarkleides, und sie entsprechen eben der Baum¬ 
rinde oder dem Gelaube und Grase, sowie den Felsen, auf denen sie wohnen. Alle Flatterthiere, 
welche auf Bäumen leben, zeigen ebenfalls eine braune oder grünliche Färbung, diejenigen, welche 
in Felsenritzen schlafen, das ungewisse Grau der Felsen — oder der Dämmerung. Unter den Raub¬ 
thieren finden sich viele, welche als wahre Spiegelbilder ihrer Heimat zu betrachten sind. Der Wolf 
trägt ein echtes Erdkleid: das Fahlbraun und Grau seines Pelzes schmiegt sich allen Färbungen seines 
Wohnkreises an; Reinecke, der Schleicher, zeigt uns, daß er bei uns zu Lande ebenso wohl zum 
Nadel- wie zum Laubwalde paßt; sein Vetter im Norden, der Polarfuchs, legt im Winter ein 
Schneekleid, im Sommer ein Felsenkleid an; ein anderes Glied seiner Sippschaft, der F enek, .trägt 
das isabellfarbne Gewand der Wüste. Die Hi'äuen, als Nachtthiere, sind in Grau gekleidet, in 
diejenige Farbe, welche am ehesten dem Auge verschwindet. Löwe und Leopard, Gepard und 
Serwal geben sich als echte Steppenthiere zu erkennen; Braungelb ist Grundfarbe, aber allerlei 
anders gefärbte Flecken zeigen sich auf ihr: die Steppe ist bunter und darf daher auch das Thier 
schon malen. Unsere nordischen Katzen entsprechen ihrer farbloseren Heimat und unserer trüberen 
Nacht: Grau ist ihre Hauptfärbuug; der Karakal ist wieder echtes Wüstenthier; der Tiger zeigt 
sogar die Rohrstängel seiner Bambuswälder in den schwarzen Streifen, der Leopard die buntlaubigen 
Gebüsche Mittelafrikas auf seinem Fell; die amerikanischen Katzen spiegeln ihre bunten Wälder wieder. 
In den Gin st er-und Schleichkatzen sehen wir echte Erdthiere: Grau mit oder ohne Flecken und Strei¬ 
fen, und ein überall hinpassendes, sehr schwer zu beschreibendes Graugrün sind die hauptsächlichsten
        

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