Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/342/
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Die Raubthiere. Katzen. — Hinz. 
Zwecke bestimmtes Kissen auf meinen Schos, das Kätzchen darauf, drückte es sanft nieder, und nach 
zehn Minuten schien es fest zu schlafen, während ich ruhig las und um uns her Vögel sangen. Das 
Kätzchen hatte den Kopf, also auch die Ohren südwärts gerichtet. Plötzlich sprang es mit ungeheurer 
Schnelligkeit rückwärts. Ich sah ihm erstaunt nach; da lief nordwärts von uns ein Mäuschen, von 
einem Busch zum andern über glattes Steinpflaster, wo es natürlich gar kein Geräusch machen konnte. 
Ich maß die Entfernung, in welcher das Kätzchen die Maus hinter sich gehört hatte; sie betrug volle 
44 Fuß nach hiesigem Maße." 
Die Lieblingsnahrung der Katze besteht in Mäusen und kleinen Vögeln; einzelne fangen auch 
Fische. In den Häusern füttert man sie mit allerlei Kost, gekochtem Fleische, Pflanzenstoffen, vor 
Allem aber mit Milch, welche sie überaus hochschätzt, obgleich sie sich sehr bemühen muß, eine Tasse 
voll auszulecken. Im Freien richtet sie, zuweilen auch unter größeren Thieren, arge Verwüstungen 
an. Sie wagt sich an ziemlich große Hasen und frißt vollkommen ausgewachsene Rebhühner. 
Ihre Beute beschleicht sie mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit. „Ich habe sie," sagt Lenz, 
„öfters beobachtet, wenn sie so auf der Lauer sitzt, daß sie mehrere zusammengehörige Mauselöcher 
um sich hat. Sie könnte sich gerade vor ein am Rande des Ganzen stehendes hinsetzen und so alle 
leicht überschauen; das thut sie aber nicht. Setzte sie sich vor das Loch, so würde auch das Mäuschen 
sie leichter bemerken und entweder gar nicht herausgehen oder doch schnell zurückzucken. Sie setzt sich 
also mitten zwischen die Eingänge und wendet Auge und Ohr dem zu, in dessen Nähe sich unter der 
Erde Etwas rührt, wobei sie so sitzt, daß das herauskommende Geschöpf ihr den Rücken kehren muß 
und desto sicherer gepackt wird. Sie sitzt so unbeweglich, daß selbst die sonst so regsame Schwanzspitze 
sich nicht rührt: es könnten auch durch ihre Bewegungen die Mäuschen, welche nach hinten heraus 
wollen, eingeschüchtert werden. Kommt vor der Katze ein Mäuschen zu Tage, so ist es im Augen¬ 
blicke gepackt; kommt eins hinter ihr heraus, so ist es ebenso schnell ergriffen. Sie hat nicht blos ge¬ 
hört, daß es heraus ist, sondern auch so genau, als ob sie sähe, wo es ist, wirft sie sich blitzschnell 
herum und hat es nie fehlend unter ihren Krallen." 
Das geistige Wesen der Katze wird in den meisten Fällen gänzlich verkannt. Man betrachtet 
sie als ein treuloses, falsches, hinterlistiges Thier und glaubt, ihr niemals trauen zu dürfen. Viele 
Leute haben sogar einen unüberwindlichen Abscheu gegen die Katzen und geberden sich wie nerven¬ 
schwache Weiber oder ungezogene Kinder, sobald sie eine Katze erblicken. Dabei vergleicht man sie 
gewöhnlich mit dem Hunde, mit welchem sie gar nicht verglichen werden kann, und giebt sich, weil 
man nicht gleich in ihr dieselben lobenswerthen Eigenschaften findet, gar nicht weiter mit ihr ab, 
sondern betrachtet sie schon von vornherein als ein Wesen, mit welchem überhaupt Nichts zu machen 
sei. Unter solchen Umständen kann man freilich nur ein einseitiges Urtheil über sie fällen. Ich habe 
mich seit meiner Jugend sehr viel mit ihr beschäftigt und sie sehr lieb gewonnen, auch viele Züge von 
ihr beobachtet, welche ihr die Zuneigung des Menschen unbedingt erwerben müssen. Deshalb nehme 
ich auch keinen Anstand, mich vollkommen mit Scheitlins Ansichten über das geistige Wesen der 
Katze einverstanden zu erklären, und gebe, weil ich doch keine besseren Worte finden könnte, als dieser 
Thierfreund, dessen ebenso anziehende, als wahre Schilderung der Katzenseele oder des Wesens der 
Katze überhaupt hier im Auszuge. 
„Die Katze ist ein Thier hoher Natur. Schon ihr Körperbau deutet auf Vortrefflichkeit. Sie 
ist ein kleiner, netter Löwe, ein Tiger im verjüngten Maßstabe. Alles ist an ihr einhellig gebaut, 
kein Theil ist zu groß oder zu klein; darum fällt auch schon die kleinste Regelwidrigkeit an ihr auf. 
Alles ist rund; am schönsten ist die Kopfform, was man auch am entblößten Schädel wahrnehmen 
kann; kein Thierkopf ist schöner geformt. Die Stirn hat den dichterischen Bogen, das ganze Gerippe 
ist schön und deutet auf eine außerordentliche Beweglichkeit und Gewandtheit zu wellenförmigen oder 
anmuthigen Bewegungen. Ihre Biegungen geschehen nicht im Zickzack oder Spitzwinkel, und ihre 
Wendungen sind kaum sichtbar. Sie scheint keine Knochen zu haben und nur aus leichtem Teige 
gebaut zu sein. Auch ihre Sinnesfähigkeiten sind groß und passen ganz zum Körper. Wir schätzen
        

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