Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/334/
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Die Raubthiere. Katzen. — Wildkatze. 
Einzelne Kater werden unter besonders günstigen Umständen auch drei Fuß lang. Der Pelz ist dicht 
und lang, Leim Männchen grau, bisweilen sogar schwarzgrau gefärbt, bei dem Weibchen hingegen 
gelblich. Von der Stirn ziehen sich vier gleichlaufende, schwarze Streifen zwischen den Ohren hindurch, 
von denen die beiden mittleren sich auf dem Rücken fortsetzen und, nachdem sie sich vereinigt haben, 
einen mittlen Streifen bilden, der längs des Rückgrates und über die Oberseite des Schwanzes läuft. 
Von ihm gehen auf beiden Seiten viele, aber verwaschene Querstreifen aus, welche etwas dunkler, als 
die anderen, sind und nach dem Bauche hinabziehen. Letzterer ist gelblich, mit einigen schwarzen Flecken 
betüpfelt, die Beine sind mit wenigen schwarzen Querstreifen gezeichnet, gegen die Pfoten zu gelber, 
an der Innenseite der Hinterbeine gelblich und ungefleckt. Der Schwanz ist gleichmäßig geringelt, die 
Ringe selbst von der Wurzel nach der Spitze hin immer dunkler. Das Gesicht ist rothgelb, das Ohr 
auf der Rückseite rostgrau, inwendig gelblichweiß. 
Noch heutzutage ist die Wildkatze über fast ganz Europa verbreitet; sie konnte bis jetzt nicht einmal 
in dem so raubthierarmen Großbritannien ausgerottet werden. Gegenwärtig bewohnt sie übrigens 
blos noch waldreiche Gegenden, namentlich Gebirge, und streift von da aus nur selten in das Tief¬ 
land herab. In ausgedehnten Waldungen wird sie jedes Jahr wenigstens gespürt, wenn auch nicht 
erlegt. In dem Thüringer Walde hat man aber in den letzten fahren immer noch zwölf Stück 
erwachsene und eine vierteljährige Waldkatze erlegt, außerdem noch eine angeschossen und drei aus dem 
Neste genommen, im Ganzen also sechzehn Stück getödtet. Soweit bis jetzt mit Sicherheit festgestellt 
ist, reicht ihr Verbreitungskreis nicht weit über die Grenze Europas hinaus. Südlich vom Kaukasus 
ist sie noch in Grusien vorgekommen; aus anderen asiatischen Ländern erhielt man sie nicht. Merk¬ 
würdig ist, daß sie in Norwegen, Schweden und Rußland nicht vorkommt; dort wird sie aber freilich 
durch den Vetter Luchs mehr als hinreichend ersetzt. Dichte, große, ausgedehnte Wälder, namentlich 
dunkle Nadelwälder, bilden ihren Aufenthalt; und je einsamer ihr Gebiet ist, um so ständiger ist sie in 
ihm. Felsreiche Waldgegenden zieht sie allen übrigen vor, weil die Felsen ihr die sichersten Schlupf¬ 
winkel gewähren. Außerdem bezieht sie auch Dachs- und Fuchsbauten und große Höhlungen in 
starken Bäumen. 
Sie lebt einzeln oder höchstens paarweise und scheint ihr Gebiet gegen andere ihrer Art zu be¬ 
haupten. Ihre Lebensweise ist eine durchaus nächtliche; sie ähnelt der des Luchses ebenso sehr, wie 
der unserer Hauskatze. Die Wildkatze ist geschickt im Klettern und ersteigt mit Leichtigkeit Bäume, auf 
deren stärkeren Aesten sie ausruht, wenn sie sich nicht in einer Höhle verbergen kann. Hier drückt 
sie sich fest auf den ihrem Pelze gleichgefärbten Ast und kann dann leicht übersehen werden. Erst 
mit Einbruch der Nacht beginnt sie ihre Iagdzüge, ganz nach Art ihrer zahmen Schwester. Mit der 
allen Katzen eignen List beschleicht sie den Vogel in seinem Neste, den Hasen in seinem Lager und das 
Kaninchen in seinem Baue, vielleicht auch das Eichhörnchen auf dem Baume. Größeren Thieren 
springt sie auf den Rücken und zerbeißt ihnen die Schlagadern des Halses. Nach einem Fehlsprunge 
verfolgt sie das Thier nicht weiter, sondern sucht sich lieber eine neue Beute auf: kurz, sie ist in jeder 
Hinsicht eine echte Katze. Zum Glück für die Jagd besteht ihre gewöhnliche Nahrung in Mäusen 
aller Art und in kleinen Vögeln. Wohl nur zufällig macht sie sich an größere Thiere; aber sie über¬ 
fällt wirklich sogar Reh- und Hirschkälber und ist für diese noch immer stark genug. An den 
Seen und Wildbächen lauert sie auch Fischen und Wasservögeln auf und weiß dieselben mit großer 
Schlauheit zu erbeuten. Sehr schädlich wird sie in allen Gehegen, am schädlichsten aber in Fasanerien. 
Hier gelingt es ihr in kurzer Zeit, alle Fasanen eines ganzen Geheges zu vernichten. Im Verhältniß 
zu ihrer Größe ist sie überhaupt ein gefährliches Raubthier, welches leider den Blutdurst der meisten 
seiner Gattungsverwandten theilt und weit mehr Thiere tobtet, als es verzehren kann. Aus diesem 
Grunde wird die Wildkatze von den Jägern grimmig gehaßt und unerbittlich verfolgt — denn kein 
Waidmann rechnet den Nutzen, welchen sie durch Vertilgung von Mäusen bringt, ihr zu Gute. Wie viele 
von diesen schädlichen Thieren sie vernichten kann, geht aus einer Angabe Tschudi's hervor, welcher 
berichtet, daß man in dem Magen einer Wildkatze die Ueberreste von 26 Mäusen gefunden hat. Im
        

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