Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/316/
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Die Raubthiere. Katzen. — Leopard. 
und Dies thun auch alle übrigen Naturforscher, welche Leopard und Panther lebend vor sich sahen. 
Der Leopard ist immer dunkler und entschieden kurzschwänziger, als der Panther; sein Schwanz hat 
auch nur 22 Wirbel, während der Schwanz des Panthers aus 28 Wirbeln besteht. Bei jenem ist 
die Grundfarbe ein dunkles Gelb, welches auf dem Rücken, der hier sehr dicht stehenden schwarzen 
Flecken wegen, kaum zum Vorschein kommt: bei diesem ist sie ein Helles Ockergelb, welches nach der 
Unterseite des Leibes in Reinweiß übergeht und allerorten deutlich sichtbar wird, weil die Flecken 
einzelner stehen, als beim Parder. Allerdings gehört ein scharfer Blick dazu, um beide so nahe ver¬ 
wandte Thiere zu unterscheiden, und namentlich den Thierkundigen, welche sich nur mit den Bälgen 
beschäftigen, mag Dies oft schwer werden: wer aber im Leben beide Katzenarten beobachtet hat, 
lernt sie später auf den ersten Blick erkennen. Während ich diese Zeilen überlese, habe ich einen 
Leopard vom Kap und einen Panther aus Indien, welche beide unmittelbar aus ihrer Heimat 
uns überbracht wurden, lebend vor mir: ich darf mir also wohl ein selbstständiges Urtheil zutrauen, 
obgleich ich mir gar nicht anmaßen will, den nun einmal bestenhenden Streit endgültig zu entscheiden. 
Uns insbesondere läßt dieser Streit hier unberührt. Der asiatische Panther und der afrikanische 
Leopard ähneln sich in ihrer Lebensweise noch mehr, als hinsichtlich ihres Leibesbaues und der Zeich¬ 
nung ihres Felles; wir lernen also sicherlich das Leben Beider genügend kennen, wenn wir uns nur 
mit Einem beschäftigen. Ich erwähle mir, wie leicht begreiflich, den Afrikaner zu meiner Schilderung. 
Der Leopard ist ganz unzweifelhaft die vollendetste aller Katzen auf dem Erdenrund. Wohl flößt 
uns die Majestät des Löwen alle Achtung vor der gesammten Familie ein, wohl sehen wir in ihm 
den König der Thiere; wohl erscheint uns der Tiger als der Grausamste unter der grausamen Ge¬ 
sellschaft, wohl besitzt der Ozelot ein farbenreicheres und bunteres Kleid, als alle übrigen Pardel: 
hinsichtlich der Einhelligkeit des Leibesbaues, hinsichtlich der Schönheit und Fellzeichnung und hin¬ 
sichtlich der Anmuth und Zierlichkeit der Bewegung aber stehen sie und alle übrigen Katzen weit hinter 
dem Leoparden zurück. Er vereinigt Alles in sich, was die einzelnen Mitglieder der Familie im Be¬ 
sondern auszeichnet; er vereinigt deren Eigenschaften in leiblicher wie in geistiger Hinsicht. Seine 
sammtne Pfote wetteifert an Weiche mit der unsers Hinz: aber sie birgt eine Klaue, welche mit jeder 
andern sich messen kann; sein Gebiß ist verhältnißmäßig viel gewaltiger, als das seines königlichen 
Verwandten. Ebenso schön als gewandt, ebenso kräftig als behend, ebenso klug als listig, ebenso 
kühn als verschlagen zeigt er das Raubthier auf der höchsten Stufe, welche es zu erlangen vermag. . 
Die Leibesgröße des Leoparden ist nicht gerade sehr bedeutend: ein nordischer Luchs kommt ihm 
fast oder ganz gleich. Recht alte Männchen, welche immer viel größer, als die Weibchen sind, haben 
wohl nur selten 6V2 Fuß Länge und am Widerrist 272 Fuß Höhe; der Schwanz nimmt von jener 
Länge etwas über ein Drittheil (2Va Fuß) weg. In unseren Thierschaubuden sehen wir auch von 
dem Leoparden nur Krüppel, welche höchstens drei Viertheile der angegebenen Maße haben. 
Vor den meisten anderen Katzen zeichnet sich der Leopard sofort durch die auffallende Schlankheit 
aus; sein Leib erscheint noch länger, als er ist. Der kleine Kopf ist rund, die Schnauze kurz; der Schwanz 
ist lang und dünn, und nach neueren Beobachtungen — welche zu prüfen ich leider versäumte und an 
dem sehr bösartigen Gefangenen des Hamburger Thiergartens nicht erproben kann — endigt er in 
eine hornige Spitze.*) Die Pranken sind ungemein kräftig. Wahrhaft prachtvoll und dabei dock- 
höchst ansprechend gezeichnet ist das Kleid. Auf der hellorangenfarbenen, nach unten hin ins Weiße 
übergehenden Grundfarbe treten ringförmige, theils geschlossene, theils aus zwei, drei und vier im 
Ring stehenden Tupfen gebildete Flecken von kohl- oder bräunlichschwarzer Färbung hervor. Sie 
umschließen je einen Hof, welcher immer etwas dunkler, als die Grundfarbe ist, mit dieser aber 
in gleicher Abstufung nach unten hin sich lichtet. Nur auf der Mittellinie des Rückens, zumal nach 
hinten zu, bilden diese Flecken drei, seltener vier regelmäßige, gleichlaufende Reihen; seitlich sind solche 
Reihen zwar auch noch zu verfolgen; aber nicht mehr auf eine bestimmte Zahl zurückzuführen; und 
*) Beim Panther ist bestimmt keine hornige Spitze am Schwanzende zu bemerken.
        

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