Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/297/
Aufenthalt. Nahrung und Jagdweise. 
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welche sich auf dem Kreuze entzweitheilten, zusammen; an den Seiten des Körpers bilden sie Reihen, 
welche mehr oder minder gleichlaufend sind. Etwas Genaueres läßt sich nicht sagen: denn man 
findet kaum zwei oder drei Felle, welche durchaus gleichmäßig gezeichn/t sind. Der weibliche Jaguar 
ist im allgemeinen von etwas blässerer Farbe, als der männliche, und hat auch weniger ringförmige 
Flecken am Halse und auf den Schultern, dafür aber mehr und deshalb natürlich kleinere an den 
Seiten des Leibes. 
Der Name Jaguar stammt aus der Sprache der Guaraner, welche das Thier „Jaguarette" 
d. h. „Körper des Hundes" nennen. Die Spanier nennen ihn Tiger und die Portugiesen ge¬ 
malte Onze oder Unze; und unter diesem Namen wird er auch oft von den Reisebeschreibern erwähnt. 
Seine Heimat besitzt eine große Ausdehnung; denn sie reicht von Buenos-Ayres und Paraguay 
durch ganz Südamerika bis nach Mejiko und in den südwestlichen Theil der Vereinigten Staaten von 
Nordamerika. Am häufigsten findet er sich in den gemäßigten Theilen von Südamerika, längs der 
Ströme Panama, Paraguay und Uruguay, am seltensten in den Vereinigten Staaten, wo ihn der 
vordringende Weiße mehr und mehr verdrängt. Gegenwärtig ist er überall weit seltener, als er es 
früher war, auch schon weit seltener, als zu Ende des vorigen Jahrhunderts, um welche Zeit, wie 
Humboldt angiebt, alljährlich noch zweitausend Jaguarfelle nach Europa gesandt wurden. Er 
bewohnt die bewaldeten Ufer der Ströme, Flüsse und Bäche, den Saum der Waldungen, welche nahe 
an Sümpfen liegen, und das Moorland, wo über sechs Fuß hohe Gras- und Schilfarten wachsen. 
Auf offenem Feld und im Innern der großen Wälder zeigt er sich selten und nur, wenn er aus einer 
Gegend in die andere zieht. Er hat kein bestimmtes Lager und gräbt sich keine Höhlen. Wo ihn die 
Sonne überrascht, legt er sich nieder, im Dickicht des Waldes oder im hohen Grase, und verweilt dort 
den Tag über. In.den größeren Steppen, zumal in den Pampas von Buenos-Ayres, wo ihm die 
Wälder mangeln, verbirgt er sich, wie Azara sagt, im hohen Grase oder in den unterirdischen Höhlen, 
welche die dort sich herumtreibenden wilden oder verwilderten Hunde anlegen; wo er Wälder hat, 
zieht er diese jedem andern Aufenthaltsorte vor. In der Morgen- und Abenddämmerung, oder auch 
bei hellem Mond- und Sternenschein geht er auf Raub aus, nie aber in der Mitte des Tages oder 
bei sehr dunkler Nacht. 
Alle größeren Wirbelthiere, deren er habhaft werden kann, bilden die Nahrung des Jaguars. 
Er ist ein in jeder Hinsicht furchtbarer Räuber. So plump sein Gang auch erscheint, so leicht und 
geschwind weiß er sich im Falle der Noth zu bewegen. Seine Kraft ist für ein Thier von seinem 
Wüchse außerordentlich groß; sie kann nur mit der des Tigers und des Löwen verglichen werden. Die 
Sinne sind scharf und gleichmäßig ausgebildet; das unstäte Auge, welches in der Nacht oft leuchtet, 
ist lebendig und wild und sieht sehr scharf in der Dämmerung: es wird nur vom hellen Sonnenschein 
geblendet; das Gehör ist vortrefflich, der Geruch aber, wie bei allen Katzen, nicht eben besonders: 
doch vermag er immerhin noch eine Beute auf gewisse Entfernung zu wittern. So ist er leiblich voll¬ 
kommen ausgerüstet, um als äußerst gefährliches Raubthier auftreten zu können. Er verschmäht blos 
das Fleisch seiner eigenen Art; Dies glaubt man wenigstens annehmen zu dürfen, weil Jaguare, die 
in der Gefangenschaft gehalten wurden und weder Katzen- noch Hundefleisch liegen ließen, niemals 
das.Fleisch eines getödteten Jaguars verzehren wollten. Das ist aber auch die einzige Ausnahme, 
welche er macht! Azara fand im Kothe des Thieres die Stacheln eines Stachelschweins; Rengger 
im Magen Theile von Ratten und Agutis, woraus hervorgeht, daß er auch auf kleinere Thiere 
Jagd machen muß. Ebenso beschleicht er im Schilfe Sumpfvögel und weiß Fische sehr gewandt 
aus dem Waffer zu ziehen. Ja, es ist wiederholt behauptet worden, daß er sogar den Kaiman nicht 
verschone, wenn auch Hamiltons Erzählung von diesen beiden Thieren als ein albernes Märchen 
angesehen werden muß. Dieser Reisende nämlich berichtet Folgendes: „Der Jaguar und Alligator 
sind Todfeinde und leben im beständigen Kriege mit einander. Wenn der Jaguar den Alligator auf 
den heißen Sandbänken schlafend antrifft, packt er ihn unterhalb des Schwanzes, wo er weiche und 
verwundbare Theile hat. Die Bestürzung des Alligators ist dann so groß, daß er nicht leicht an
        

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