Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Illustrirtes Thierleben: eine allgemeine Kunde des Thierreichs. Erster Band. Erste Abtheilung: Die Säugethiere. Erste Hälfte: Affen und Halbaffen, Flatterthiere und Raubthiere.
Person:
Brehm, Alfred Edmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit29457/265/
Gezähmte Löwen. Sagen und Geschichtliches. 211 
Raub ausgeht. Unter Ari versteht man einen erwachsenen Löwen, da das Wort von einer Wurzel 
herrührt, welche glühen oder brennen bedeutet, weshalb also der Löwe als der Feurige, Glühende oder 
Grimmige zu betrachten ist. Eigentlich lautet das Wort Ari eh oder Arjeh, darunter versteht man 
jedoch gewöhnlich blos einen in Erz gegossenen und vergoldeten Löwen. Schachal, der fünfte Name, 
bedeutet der Brüller; Sch ach az der Hohe, Stolze oder sich Erhebende; Oten einen erwachsenen 
Löwen; Labi eine Löwin; Zobbü, dasselbe Wort, welches auch im Arabischen gebraucht wird, 
Würger der Herden; und Lajisch endlich den in schauerlicher Wüste Lebenden. Die Bibel lehrt uns 
auch, daß früher die Löwen in Palästina vorkamen, namentlich am Libanon; an anderen Orten 
waren sie sogar häufig. 
Die Griechen und Römer erzählen sehr ausführlich von ihnen und berichten dabei eine Masse von 
Märchen mit. So sollen die Knochen des Löwen so hart sein, daß sie Feuer geben. Er soll die 
kleinen Thiere verachten, die Weiber schonen u. s. w. Die starke und grausame Löwin soll nur ein 
einziges Junges in ihrem ganzen Leben werfen, weil dasselbe mit seinen scharfen Krallen den Tragsack 
zerreiße, genau wie es der Viper auch gehe. Aristoteles weiß bereits, daß die Löwin keine Mähne 
hat, sondern nur der Löwe; er weiß auch, daß sie mehrmals Junge wirft, daß die jungen Löwen sehr 
klein sind und erst im zweiten Monat gehen können. Die alte Behauptung, daß der Löwe das Feuer 
fürchte, widerlegt er. Außerdem berichtet er von des Löwen großem Muthe, von seinem Gedächtniß 
und dergleichen. Ja er weiß sogar, daß es zwei Arten Löwen giebt: kürzere mit krauserer Mähne, 
welche die furchtsameren, und längere mit dichterer Mähne, welche die stärkeren sind. Plinius sagt, 
daß die jungen Löwen anfänglich unförmliche Fleischklumpen seien, nicht größer, als ein Wiesel, daß 
sie sich nach zwei Monaten kaum rühren könnten und erst nach dem sechsten gehen lernten. Sie söffen 
selten, fräßen nur einen Tag um den andern und könnten dann wohl drei Tage fasten. Sie ver¬ 
schlängen Alles ganz; könnte es der Magen nicht fassen, so zögen sie es wieder mit den Klauen aus 
dem Rachen, um nöthigenfalls entfliehen zu können. Unter allen reißenden Thieren sei der Löwe 
allein gnädig gegen Bittende. Er verschone Die, welche sich vor ihm niederwerfen, und ließe seinen 
Grimm mehr gegen die Männer, als gegen die Weiber aus, gegen die Kinder nur beim ärgsten 
Hunger. In Libyen glaubte man, daß er das Bitten verstehe; denn eine gefangene Frau erzählte, sie 
sei von vielen Löwen angefallen worden, habe sie aber alle durch Zureden besänftigt und immer gesagt, 
daß sie nur eine Frau wäre, flüchtig und krank, eine Bittende vor dem Großmüthigsten, über alle 
übrigen Thiere Befehlenden, eine Beute, welche seines Ruhmes nicht würdig wäre: da habe sie der 
Löwe gehen lassen. 
Den ersten Löwenkampf gab her Aedil Scävola, einen zweiten der Dictator Sylla. Dieser 
hatte schon hundert Löwen, Pompejus ließ aber sechshundert und Julius Cäser wenigstens vier¬ 
hundert kämpfen. Der Fang war früher eine böse Arbeit und geschah meistens in Gruben. Unter 
Claudius aber entdeckte ein Hirt durch Zufall ein leichtes Mittel, den Löwen zu fangen. Er warf 
ihm seinen Rock über den Kopf, und der Löwe wurde hierdurch so verblüfft, daß er sich ruhig fangen 
ließ. Im Circus wurde dieses Mittel dann oft angewendet. M. Antonius fuhr nach der pharsa- 
lischen Schlacht mit einer Schauspielerin durch die Stadt in einem Wagen, welchen Löwen zogen. 
Hanno, der uns schon bekannte Karthager, war der Erste, welcher einen gezähmten Löwen mit seinen 
Händen regierte. Er wurde deshalb jedoch aus seinem Vaterlande vertrieben, weil man glaubte, daß 
Derjenige, welcher sich mit der Zähmung eines Löwen abgebe, sich auch die Menschen zu unterwerfen 
strebe! Hadrian tödtete im Circus oft hundert Löwen auf einmal. Marcus Aurelius ließ ihrer 
hundert mit Pfeilen erschießen. Auf diese Weise wurden die Löwen so vermindert, daß man die 
Einzeljagden in Afrika verbot, um immer hinlänglich viele für den Circus zu haben. Doch erst 
mit der Erfindung des Feuergewehres schlug dem königlichen Thiere die Stunde des Verderbens, und 
von jenem Tage an ist er auch mehr und mehr zurückgedrängt worden. — 
Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß die Löwen, welche im Süden und Westen Afrikas 
oder in Asien wohnen, von dem Löwen der Berberei artlich verschieden sind, wenn auch die 
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